Morogoro 1.0

Also, um es kurz und schmerzlos zu machen: Die Fahrt von Dar es Salaam zur Sprachschule (war wie zu erwarten) ein Abenteuer, hatte aber ein Happy End. In Stichpunkten:

1. Melissa verliert irgendwo zwischen Hotel und Busbahnhof ihr Handy.

2. Wir checken nicht, dass die Plätze im Bus nicht frei wählbar, sondern zugewiesen sind.

3. Wir mischen den gesamten Bus durch Umsetzen auf.

4. Wir versuchen, auf der vierstündigen Fahrt Swahili zu lernen und enden alle in einem Nickerchen

5. Wir realisieren, dass wir schon fast da sind und haben Angst, dass der Fahrer einfach ab der Sprachschule vorbei fährt.

6. Wir werden direkt vor der Sprachschule abgesetzt. Auf die Busfahrer hier ist, um nach meinen bisherigen Erlebnissen zu urteilen, immer Verlass.

7. Wir ziehen jeder mit etwa drei Tonnen Gepäck auf das riesige Gelände und wissen nicht, wohin wir sollen

8. Am Ende finden wir unser Zimmer doch noch. Wir bekommen das mit dem kleinsten Bad und nicht funktionierender Toilettenspülung. Macht gar nichts. Viel wichtiger: Es gibt Mittagessen!!!

 

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So sieht das aus, wenn man nach Morogoro reinläuft. Es lohnt sich.
An dem Tag sind wir dann auch gleich nochmal in die Innenstadt von Morogoro gefahren, weil Melissa ein neues Handy brauchte. Also begab sich das Team BMW, unterstützt von Esther, der Freiwilligen, die hier in der Sprachschule im Kindergarten arbeitet (Link zu ihrem Blog unter „meine Verbündeten“!), auf die Mission „neues Handy + Wasser“. Das brauchten wir nämlich auch noch. 

Fortbewegungsmittel war mal wieder das Dalla Dalla. Wie immer, wenn ich in so eins steigen möchte, war es rappeldickevoll. Das stellte jedoch kein Problem da. „Voll“ ist hier eher so eine relative Bezeichnung: Solange die Tür noch zu geht – meistens, nachdem der Bus schon angefahren ist, ist da noch genug Spiel- und Stauraum. Natürlich geht es komfortabler, aber unangenehm ist mir das bis jetzt noch nicht gewesen. Die Mitreisenden waren nie unfreundlich oder genervt, wie es in Deutschland sicherlich der Fall wäre. Stattdessen wird man oft angelächelt und getestet, wie weit die Swahili-Kenntnisse denn schon reichen. Hier also eine typische Situation, die sich während der Fahrt abgespielt hat:

 

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Auf diesem Weg würde ,man theoretisch auch nach Morogoro kommen – wenn man Lust hätte, eine Stunde zu laufen.
Dort stand ich neben einer kleinen Frau, die ich ungefähr auf 55 schätzen würde. Sobald wir eingestiegen waren, begann sie, uns auf Swahili Fragen zu stellen. Das wir auf die meisten nicht antworten konnten, hat sie nicht etwa davon abgehalten. Viel mehr hat sie sich köstlich amüsiert, wenn wir uns gegenseitig fragend ansahen, verlegen lächelten und die Köpfe schüttelten. Sie wollte uns unbedingt dazu animieren, einfach irgendetwas auf ihrer Sprache zu sagen. Als ich dann schließlich etwas stockend „Hatunanasema kiswahili vizuri“ (= wir sprechen nicht gut Swahili) herausbrachte, hat sie nur noch mehr gelacht. Ich glaube schon, dass sie uns ein bisschen veräppelt hat, aber es war auf keinen Fall bösartig oder herablassend.

Das hat mir zum einen mal wieder die Unterschiede zwischen der tansanischen und der deutschen Kultur vor Augen geführt: Dort würde man lange zögern, bis man einen fremden Menschen einfach so anspricht und dann schon lieber seine Neugier zurückhalten. Hier zeigen die meisten offen, dass sie sich für uns interessieren. Dabei bleiben sie zwar immer freundlich, zeigen aber gleichzeitig sehr deutlich, was sie denken. Mir gefällt diese Art. Man weiß dadurch oft schneller, woran man ist.

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Diesen Blick hat man eigentlich überall in Morogoro. Schon ganz nett.
Morogoro ist längst nicht so groß wie Dar es Salaam. Zumindest kommt es einem so vor. Das mag aber auch daran liegen, dass man die kleinen Häuser und Läden, die sich schon lange vor der „Innenstadt“ an der Straße entlang ziehen, nicht wirklich dazurechnet. Dabei zählt selbst die Sprachschule, von der man etwa zwanzig Minuten in die Innenstadt braucht, auf der Karte schon dazu. So oder so, die Dichte von Menschen und der Betrieb in der Innenstadt können durchaus mit denen in Dar es Salaam mithalten.

Es ist immer noch eine Herausforderung, sich an den Linksverkehr hier zu gewöhnen. Ampeln habe ich hier auch noch nicht gesehen. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass der Verkehr schlecht geregelt ist. Die Verkehrsteilnehmer fahren ziemlich aufmerksam und warnen einander mittels Hupe, manchmal sogar durch Zurufe vor. Trotzdem kann es für einen Fußgänger, der eine viel befahrene Straße passieren möchte, schon mal etwas länger (also auch mal 5 Minuten) dauern, bis er auf die andere Straßenseite gelangt, grade, wenn man noch Neuling ist und das System noch nicht ganz durchschaut hat.

Dank der Hilfe von Esther haben wir dann ein neues Handy für Melissa und Wasser für uns gefunden. Die 15 Liter habe ich dann in meinem großen Rucksack transportiert. Als wir dann wieder ins überfüllte Dalla Dalla stiegen, wurde mein Vertrauen in die Ehrlichkeit der Menschen schon ein bisschen auf die Probe gestellt: Da wir stehen mussten, stellte der große und unförmige Rucksack natürlich ein logistisches Problem dar. Mein Lösungsansatz war es, mit das Ding zwischen die Beine zu klemmen. Kaum aber hatte ich den Rucksack auf den Boden gestellt, griffen schon mehrere Hände danach. Mein erster Instinkt: Verteidigung. Ich versuchte also, den Rucksack an mich zu ziehen. Dann wurde mir klar, dass die Leute mir gar nichts Böses wollten: Eine Frau, die neben mir saß, streckte noch einmal begütigend ihre Hand aus, deutete auf den Rucksack und dann auf ihren Schoß. Man wollte es mir also nur bequemer machen und mir den schweren Rucksack abnehmen. Trotzdem fiel es mir schwer, dem Ganzen zu trauen: Ich gab der Frau zwar den Rucksack, konnte ihn aber die ganze Fahrt über nicht aus den Augen lassen.

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Diese liebenswerte Kreatur hat ihren Wohnsitz ausgerechnet neben unserem Essenplatz. Super.
In dieser Situation ist mir klar geworden, dass das Vertrauen zu fremden Menschen hier in den Regel größer ist, als ich es gewöhnt bin. Das ist zwar ziemlich cool, aber als Mzungu (=Weißer/Europäer) kommt es einem im ersten Moment doch recht fremd vor. Ich freue mich schon darauf, das mit der Zeit immer mehr zu verinnerlichen und sehe mich schon in einem Jahr in der vollen Berliner U-Bahn stehen und dem Nächstbesten mein Gepäck auf den Schoss stellen. Die Reaktion wäre dann allerdings schon vorauszusehen: „Samma hackt’s bei dir?“ Seh ick aus wie’n Gepäckträger?“
So sind wir am Ende des Tages zwar ziemlich müde und erschöpft, aber immerhin erfolgreich und pünktlich zum Abendessen wieder in die Sprachschule gewankt. Das Essen ist hier kostenlos und schmeckt ziemlich gut. Allerdings gibt es eigentlich jeden Tag das Gleiche: Reis mit Soße (einmal mit Fleisch und einmal frei davon). Dazu eine Art Spinat mit etwas, dass wie Frühlingszwiebeln oder Lauch wirkt, oft Kartoffeln oder Kochbananen und (das ist das beste) frische Früchte. Zwar ist jetzt grade noch nicht wirklich Saison (im Dezember wird der Obstkorb dann so richtig voll), aber immerhin gibt es schon Bananen, Papaya, Melone und Orange. All das schmeckt hier wirklich viel intensiver als in Deutschland. Aber auch der Reis hat hier viel mehr Eigengeschmack. Trotzdem hat man natürlich nach einer Woche auch mal wieder Lust auf andere Sachen. Das ist ein Grund mehr, ich auf die Ankunft in Matema zu freuen: Da kann ich dann selber kochen und vielleicht sogar für ein bisschen Abwechslung sorgen. Meine Vorgängerin in Matema, Fanny, meinte allerdings schon, dass das mit der Abwechslung schon mal ein bisschen schwierig werden kann. Ich lass mich also mal überraschen.

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Das erste Mal von Hand waschen. Natürlich ist alles zu 100% sauber geworden *hüstel*
Sowieso habe ich jetzt schon richtig Lust, endlich nach Matema zu kommen und meine endgültige Einsatzstelle zu sehen! Der Sprachkurs ist zwar super und man lernt echt ziemlich viel, aber ich zähle wirklich jeden Tag bis zu meiner Abreise (die ich übrigens noch organisieren muss – *schluck*).

Trotzdem werde ich die nächste Woche nochmal an meinen Jibus feilen, die natürlich inzwischen schon viel schlagfertiger geworden sind! Und in dieser Zeit werde ich wohl auch nochmal Gelegenheit finden, ein bisschen was über die Zeit hier auf dem Campus zu erzählen. Schließlich muss ich das WLAN hier unbedingt noch nutzen und genießen – es wird das letzte mal für lange Zeit sein, dass ich welches habe!

P.S.: Auf dem Beitragsbild könnt ihr zum Einen einen wahrscheinlich 3 Millionen Jahre alten Baum sehen, zum Anderen aber auch uns mit unseren neuen Kitenge und Kanga aus Das es Salaam. Man beachte die kunstvolle Drapierung der Stoffe… Naja, wir haben ja noch etwas Zeit, um das richtig zu lernen. 🙂

 

 

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Dirckackermann@aol.com sagt:

    Wieder ein toller Bericht

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    1. carliola sagt:

      Danke! Du hast es geschafft, einen Kommentar zu verfassen!

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  2. Liebe Carla,
    Deine Offenheit und Zuversicht imponiert und! Wir drücken Dir für alles fest die Daumen!!!
    Verena und Stefan aus Berlin

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    1. carliola sagt:

      Asante sana! (Also vielen Dank!) Schön, dass ihr auch den Weg hierher gefunden habt!

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