Abschied und Neubeginn

Am Sonntag habe ich das erste Mal seit langer Zeit wieder geweint. Nicht etwa aus Heimweh, sondern weil am Samstag der Tag war, auf den ich mich schon gefreut, aber ihn trotzdem gerne noch etwas länger hinausgezögert hätte… am liebsten etwa noch so 8 Monate. Es handelt sich um die „Mahafali“, also die Graduation der Nursing Studentinnen, mit denen ich mich so gut verstanden habe. Schon lange stand der Termin fest, und trotzdem habe ich dieses Wissen gekonnt verdrängt und die letzten zwei Wochen jeden Abend mit Ihnen verbracht. Das war einfach mal so was von toll! Ich habe wirklich das Gefühl gehabt, dazuzugehören. Besonders viel unternommen haben wir eigentlich nicht: Ich habe gelernt, auf tansanische Art zu kochen und kann jetzt Ugali und Kochbananen, sie haben von mir im Ausgleich Kuchen backen gelernt. Seit dem ersten Dezember haben wir auch jeden Abend zusammen meinen Adventskalender aufgemacht – an dieser Stelle mal ganz herzlichen Dank an eine grandiose Mutter, die es schafft, gewisse Familientraditionen bis nach Tansania zu liefern! Ansonsten haben wir uns vor allen Dingen unterhalten. Die Themen reichten da von Unterschieden zwischen „Ujerumani“ und Tansania über medizinische Fragen (sie stecken ja grade mitten in den Abschlussprüfungen) und Familie bis hin zu „Mädchensachen“.

Auch meine Kamera wurde an manchen Tagen gut genutzt. Hier Shooting mit Baby (l.) und Eliza (m.)

Und all das immer auf Swahili! Dadurch hat sich das bei mir naturgemäß wieder ein bisschen verbessert – zum Beispiel weiß ich jetzt, was man zu einem Mann sagen muss, wenn der sich unmöglich aufführt: „Msumbufu!“ Am letzten Freitag ging es dann endgültig auf den Abschied zu. Zum Glück hatte ich das ganze Wochenende frei und konnte mich also voll und ganz darauf konzentrieren, die letzten Stunden mit den Mädels zu genießen. Fall hier aber immernoch jemand Freizeit in Matema mit Ausschlafen verbindet, hat das Prinzip noch nicht verstanden:

So haben wir am Freitag beschlossen, einen Ausflug nach Lulilyo, dem Nachbardorf zu machen. An diesem Tag findet dort nämlich ein Markt statt, auf dem die Töpferwaren aus einem anderen Nachbardorf, Ikombe, verkauft werden – und dass zu einem echten Schnäppchenpreis. Meine Freundinnen wollten sich also mit einigen Töpfen, Kohlekochern und ähnlichem eindecken, um zuhause dann ein paar Mitbringsel vorzeigen zu können. Ich wollte einfach nur mit, um zu gucken und Zeit mit ihnen zu verbringen. Wann ging es dann also los? Saa 12 asubuhi – sprich um 6 Uhr morgens bin ich aufgestanden, hab mich angezogen und bin noch schnell zur Milchbibi gespurtet (die natürlich auch schon lange wach war). Auf dem Rückweg wurde ich schon von Pendo gerufen: „Carla, fanya haraka!“ = Mach Eile! So brachen wir dann um halb sieben zu Fuß nach Lulilyo auf. Der Weg ist nicht sonderlich lang und führt parallel zur Seeküste entlang. Man muss allerdings ganz schön aufpassen, weil die PikiPikis und ihre Fahrer das nicht immer tun…

In Lulilyo angekommen warfen wir uns gleich ins Getümmel auf dem Markt. Der ist direkt am Ufer des Sees und besteht aus vor allem Frauen, die sich an den Strand setzten und ihre Töpfe und anderen Waren vor sich ausbreiten. So spazierten wir also von einem Topfstapel zum andern und guckten uns die Ware an. Deren Güte kann man übrigens dadurch feststellen, indem man sie hochnimmt und dagegen klopft. Gibt das einen bestimmten Ton , dann weiß man, dass der Ton, aus dem der Gegenstand gefertigt wurde, beim Brennen keinen Sprung bekommen hat. Wenn man dann etwas gefunden hat, kann man über den Preis verhandeln. Ob das jetzt wirklich nötig ist, darüber lässt sich allerdings streiten: Schließlich sind die Preise selbst für tansanische Verhältnisse gerade zu lächerlich günstig. Für einen Topf zahlt man in der Regel 500 Schilling, also grade mal 20ct. So lässt es auch nicht verwundern, dass sowohl Pendo, Zamoyoni, Mwenda und Stella als auch ich ordentlich zuschlugen. Eigentlich hatte ich gar nicht vorgehabt, irgendetwas zu kaufen, aber bei den Preisen fiel mir dann doch glatt ein, dass ich noch gar keine Weihnachtsgeschenke für die Volontärinnen hatte, mit denen ich die Feiertage verbringen will. So erstand ich eine Pfanne, einen Topfdeckel und am besten: Einen Kohlekocher für 200 Schilling (weniger als 10ct!). Die andern standen mir mit ihren Einkäufen in nichts nach und übertrumpften mich sogar noch. Nachdem wir genug von den Töpfen hatten, gingen wir noch ein bisschen weiter runter zum Wasser. Da hatten sich nämlich die Fischer, die grade vom nächtlichen Fang auf dem See zurückgekommen waren, mit ihren Booten eingefunden. So viel Fisch auf einem Haufen kann selbst der Hamburger Fischmarkt an seinen besten Tagen nicht aufweisen.

… und all das schwimmt in meinem See!

Menschen hatten ihre Einbäume mit den den verschiedensten Sorten gefüllt – bis zum Rand. Als wir uns in die Richtung dieser Boote begaben, wurde das Gedrängel noch dichter und nun fiel mir wieder ein, dass ich ja eine andere Hautfarbe habe. So wurden uns für die Fische auch gleich höhere Preise geboten. Das war mir natürlich ein bisschen peinlich und tat mir für Zamoyoni und Mwenda Leid, die es auf einen bestimmten Fisch zu „bei rahisi“ (also günstigem Preis) abgesehen hatten. Sobald ich mich unauffällig zu Pendo und Stella, die weiter oben warteten,  zurückgezogen hatte, konnten die beiden dann aber in aller Ruhe shoppen.

An eine Sache hatten wir in dem ganzen „Kaufrausch“ dann allerdings nicht mehr gedacht: Wie sollten wir das ganze Zeug denn nach Matema bekommen? Wir hatten nur eine einzige Pappkiste dabei und da passte längst nicht alles rein. Außerdem fehlte es an Khangas, also den Stoffen, die man sich eigentlich um die Hüfte bindet. Wenn man aber etwas auf dem Kopf tragen will, windet man das Ding zu einer Schnecke zusammen, legt sich diese auf den Kopf und stellt dann das Packet darauf. Dann tut das Tragen nicht so weh. Obwohl ich das hier so fachmännisch beschreibe, muss ich an dieser Stelle auch zugeben, dass mir das so noch nie gelungen ist. Naja, auf jeden Fall hatten wir nur einen Khanga mitgebracht, aber mindestens zwei Sachen mussten auf dem Kopf getragen werden. Da fiel Zamoyonis Blick auf den Khanga, den ich mir umgebunden hatte. Darunter trug ich noch eine meiner Flatterhosen – nicht grade echt tansanisch, aber ich bin immernoch kein Profi im Khanga-Binden und habe deshalb Angst, dass das Ding sich im Laufen lösen könnte und ich dann doch relativ dumm dastünde. Mit dem Gedanken, dass die Leute hier wohl auch schon Schlimmeres gesehen haben als Beine, übergab ich den Khanga an Zamoyoni und so machten wir uns auf den Rückweg, auf dem allerdings wesentlich langsamer voranging als hin: Schließlich waren wir allesamt am schleppen unserer Beute.

In Matema angekommen machte ich erstmal Pause und ließ mir dann die Haare flechten –  morgen würde immerhin der große Tag sein – aber am Abend war ich dann wieder zu den Mädels bestellt. Zusammen mit Eliza und Neema kaufte ich etwa 30 Liter Öl ein, dann ging es daran, den Festsaal für die „Mahafali“, also die Feier morgen zu schmücken. Dabei fiel auf, dass man vergessen hatte, diese komischen Nägelchen, die man auch in eine Pinnwand steckt, aus dem nächstgrößeren Dorf mitzubringen. Ohne dieses Zeug konnten wir die dekorativen Stoffbahnen, welche hinter der Bühne angebracht werden sollten, nicht befestigen. Ich hatte das Problem zuerst gar nicht wirklich verstanden – immerhin kenne ich die korrekte Bezeichnung für die „Nägelchen“ ja noch nicht mal auf Deutsch. So hatte ich nur die Information, dass wir „irgendwas“ brauchten und deshalb nochmal auf den Markt mussten – um 9 Uhr abends. Als wir aber auch im letzten Duka nicht fündig geworden waren, versuchte ich dann doch nochmal genauer herauszufinden, was wir denn eigentlich suchten. Es dauerte zwar ein bisschen, bis ich verstanden hatte, aber dann fiel mir doch glatt ein, dass ich sie Dinger irgendwo im Haus Berlin hatte rumfliegen sehen. So konnte ich aushelfen, auch wenn wir zuvor erstmal ziemlich unnötig im Dorf herumgelatscht waren.

Wieder bei den Mädels angekommen, war es dann schon etwa 22:00 Uhr. Die perfekte Zeit, um mit der Dekoration des Festsaales zu beginnen! Vor allen Dingen, weil die Lampen dort aus irgendeinem Grund nicht funktionierten – obwohl der Strom überall sonst vorhanden war. Naja, hier konnte ich nun also mit meiner Taschenlampe, aber auch mit ein paar Nägeln, Sicherheitsnadeln (Danke an fleißig sammelnde Vorfreiwillige), und zusätzlich noch mit meiner Körpergröße weiterhelfen: Durch sie konnte ich den Stoff an Stellen befestigen, an die die anderen nicht herankommen wären.

Dabei fiel mir vor allem auf, dass die Mädchen sämtliche Vorbereitungen alleine bewältigen mussten – Planung, Einkäufe, Dekoration und Kochen für die Feier lagen in ihren Händen. Nicht nur, dass die Lehrer oder andere Menschen außerhalb des Kurses nicht mitgeholfen hätte, nein, auch die männlichen Auszubildenden hatten erstaunlich wenig zu tun. Sie hingen zwar bei uns herum und schauten zu, wie wir die gesamte Halle dekorierten, aber rührten keinen einzigen Finger, während wir zum Beispiel Probleme hatten, Nägel in die Wand zu schlagen (kein Wunder, wenn man keinen Hammer zur Hand hat) oder Stühle auf Tische stellten, um an bestimmte Stellen heranzureichen. Sie hatten noch nicht einmal den Abstand, uns bis zum Ende zuzusehen: Der letzte verabschiedete sich mindestens einen Stunde bevor wir fertig waren. Das war übrigens so ungefähr um halb 12.

Müde und erschöpft kehrten wir ins „Hostel“, wie der Unterschlupf der Mädels genannt wird, zurück. Dort waren inzwischen die Bohnen verbrannt und ich half noch ein bisschen beim Aussortieren. Dann brachten wir Miriam, die nicht im Hostel wohnt, schnell nach Hause. Meine erste Wanderung durch Matema nach Mitternacht – und ich kann euch sagen, dieses Dorf schläft nie!

Im Hostel – wunderschön und fast gar nicht müde!

Zurück im Hostel beschloss Pendo, noch schnell mal was für uns zu kochen – immerhin hatten wir ja nicht zu Abend gegessen! Während sie Kochbananen schälte und Tomaten schnitt, half ich Eliza noch ein bisschen beim Reissortieren. Das ist übrigens voll anstrengend! Vor allem, wenn man weiß, dass man noch etwa 30 Kilo vor sich hat. Pünktlich um halb eins wurde dann gegessen und dann habe ich mit zusammen mit Pendo unter Ihr Moskitonetz zurückgezogen – ich hatte den Mädels doch versprochen, dass ich mindestens einmal bei ihnen übernachten würde!

Am Samstag morgen bin ich dann davon aufgeweckt worden, dass Eliza und andere mit Reissortieren weitermachten. Da war es so 6:30 Uhr. Müde war ich deshalb aber nicht besonders, zu groß war die Aufregung. Heute war DER Tag! Auch die Mädels waren angespannt, vor allem Dingen aber, weil es anscheinend so ungefähr an allen zu fehlen schien – nicht genug Essen, kein Geld um mehr zu besorgen,keine Schuhe für die Feier, die gestern extra beim Friseur geflochtene Haarmähne saß nicht…

Ich hörte mir die Probleme an, vergab viele „Poles“ und half dann nochmal ein bisschen beim Reis (ich sag nur 30 Kilo!), machte mich dann aber relativ bald aus dem Staub. Schließlich galt es noch, das Geschenk für alle herzustellen: den KUCHEN! Ich hatte ja in den letzen Wochen hin und wieder schonmal einen auf dem Kohlekocher hinbekommen und diese Versuche dann sehr gerne geteilt, aber dieses Mal sollte es etwas ganz anderes werden: Ein richtiges Kunstwerk! Zu diesem Zweck hatte ich Dada Nuru angehauen, mir die Tür von „Baba na Mama Schima“, also Heinke und Friedhelm aufzumachen. Beide sind ja momentan in Deutschland und können das also nicht selber machen, aber als ihre Haushaltshilfe besitzt Nuru natürlich einen Schlüssel und die Erlaubnis hatte ich mir schon vor Friedhelms Abreise bei ihm eingeholt. Warum der ganze Aufwand? Die beiden haben einen OFEN in der Küche stehen! Dieses Luxus wollte ich mich also bedienen.

Bepackt mit tausend Zutaten stapfte ich nun am Strand entlang zum Haus meiner Mentoren- so kam es mir zumindest vor, obwohl ich aus irgendwelchen Gründen Schwierigkeiten gehabt hatte, so einfache Sachen wie Marzipan, Lebensmittelfarbe oder selbst Schokolade auf dem Markt zu finden. Aus diesem Grund musste ich improvisieren: Schokolade und sogar Marzipan hatte mir zum Glück eine wundervolle Mutter durch den Adventskalender geschickt. Auf dem Markt hatte ich eine Kokosnuss gefunden. Daraus musste sich doch irgendwas machen lassen! Die nächsten zwei Stunden war ich also mit Teig rühren (auch das ohne Mixer nicht ganz so einfach), Kokosnuss aufmachen (kann ich inzwischen ganz gut) und, als der Kuchen dann im Ofen stand, mit um Strom Beten beschäftigt. Das Ergebnis ließ sich sehen. Die nächste Frage war jetzt, wie ich den ganzen Krimskrams wieder zurück zu mir nach Hause schleppen sollte – inklusive des noch ziemlich heißen Kuchens. Zum Glück kam mir auf halben Weg eine kleine Kinderschar entgegen, die mich zu kennen schien (auch wenn ich Probleme hatte, mich daran zu erinnern, woher). Sie nahmen mir das meiste ab und begleiteten mich nach Hause.

Sieht doch ganz gut aus, oder?

Damit hatte ich das mit den Geschenken also auch geklärt. Höchste Zeit! Immerhin stand auf meiner Einladungskarte, die Feier würde „Saa 6 mchana“, also um 12 beginnen. Jetzt war es grade 11:55 Uhr. Ich hetzte also einmal runter zum See, um Katzenwäsche zu machen, schmiss mich dann in mein Kleid und schminkte mich das erste Mal seit zwei Monaten wieder. Wenn ich jetzt im Nachhinein daran denke, muss ich über mich selbst lachen. Wie hatte ich nur auf den absurden Gedanken kommen können, dass die Feier pünktlich starten würde? Als ich in voller Montur aus dem Haus trat und zur Festhalle ging, wurde schnell klar, dass es noch ein bisschen dauern würde. Es wurde immernoch am Festtagsessen gekocht und keiner hatte sich schon in Schale geschmissen – nur ich halt. Das hatte allerdings zur Folge, dass die Komplimente nur so auf mich herabhagelten. „Carla, umependeza!“ – wörtlich übersetzt: Du hast gefallen, also: Du siehst toll aus! – Asante sana!

Der Einzug in die Festhalle – die Farbe der Schulkleidung wäre nun echt nichts für mich!

Um drei Uhr, also nur mit ganz leichter Verspätung, startete dann die Feier. Die habe ich ehrlich gesagt in nicht sonderlich guter Erinnerung: Die Musik war dröhnend laut, das Mikro hatte ständig Rückkopplungen und dann begann die Moderatorin auch noch, für private Zwecke Geld einzusammeln. Und ich hatte seit dem Morgen noch nicht ordentlich gegessen (immerhin dachte ich, das Ganze würde ein bisschen früher anfangen). Außerdem musste ich immer mehr daran denken: Das ist das Ende. Sie gehen jetzt!

Natürlich gab es aber auch schöne Momente: Die Mädels tanzten, was das Zeug hielt, ein paar trugen ein kleines Theaterstück über den zukünftigen Alltag als Krankenschwester vor – sehr lustig und ich habe echt erstaunlich viel davon verstanden – und dann durfte ich noch mein Geschenk, den Kuchen, nach vorne bringen, wobei alle Mädels aufsprangen und mich tanzend begleiteten.

Nach der Verteilung der Urkunden ging es dann endlich zu Tisch, bzw. stellten wir uns die Teller einfach auf den Schoß – Tische waren für Eltern und Lehrer reserviert. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich schonmal besser in Tansania gegessen habe. Die Bohnen schmeckten verbrannt, der Pilau (Reis mit Gewürzen) war nicht ganz durch, während der normale Reis zu weich war. Kein Wunder, wenn man für ca. 200 Personen kochen muss – in riesigen Töpfen und über dem Holzfeuer. Ich nutzte die Zeit, während die anderen noch über ihren Tellern saßen, um mich schnell in das Haus der Mädchen zu schleichen und dort meine anderen Geschenke auf den Betteb zu verteilen – der Kuchen war ja nur der Anfang gewesen! Ich hatte für jede ein kleines Päckchen geschnürt und mich bemüht, für jeden etwas zu finden, was ihr passte und das sie gebrauchen könnte. Zum Beispiel: Zamoyoni hatte mir einmal erzählt, dass sie Zahnschmerzen hätte, also gab es für sie ein Päckchen Zahnseide. Anisia hatte meine bunten Socken bewundert, also habe ich ihr ein paar besonders bunte abgegeben. Mwanahamisi wollte von mir Kuchenbacken lernen, also fand die ein bisschen Backpulver in ihrem Packet.

Tunapendana! Wir mögen uns! Mwanahamisi und ich (und im Hintergund läuft Miriam grade ins Bild)

Mit Mwanahamisi habe ich mich übrigens besonders gut verstanden und deshalb hatten wir jetzt auch noch etwas spezielles vor: Beide zogen wir uns um und trugen dann das gleiche Kleid: Ich hatte auf meiner letzen Reise nach Mbeya (OperationMatema berichtete) einen besonders schönen Kitenge gefunden. Den hatte ich dann zusammen mit Mwana zu „sare-sare“ schneiden lassen. Das bedeutet, dass Neema zweimal das gleiche Kleid genäht hat: Einmal für Mwana und einmal für mich. Wenn man das macht, möchte man damit seine tiefe Freundschaft zueinander zeigen. Die anderen haben nicht schlecht gestaunt, als sie uns sahen. Und diesmal hagelte es also „mmependeza’s!“ (=ihr beide seht toll aus!).

Tumependeza wote! (Wir sehen alle toll aus!) Stella in rot, mittig:Schwester von Mwana, rechts sie selbst.

Nun hieß es erstmal: Fotos machen! In gefühlt tausend unterschiedlichen Konstellationen. Leider dauerte das ganz schön lange: Während wir für Erinnerungen sorgten, baute man schon die Musik ab. Dabei hatte ich Pendo doch versprochen, dass ich an diesem Tag wirklich tanzen und es nicht nur versuchen würde, wie ich es ihr zufolge sonst immer getan hatte. Naja. Inzwischen hatte die meisten Mädels immerhin ihre Geschenke gefunden und so erntete so noch viele „Asante’s“.

Den Abend ließen wir dann draußen unterm Sternenhimmel in gesprächiger Runde ausklingen. Zu meiner Überraschung hatte sogar der eine oder andere ein Bier in der Hand. Ich lehnte aber lieber ab – immerhin saß einer meiner Chefs aus dem Krankenhaus mir direkt gegenüber, dass hätte wohlmöglich dann doch Gerede und Ärger gegeben.

Auch diese Nacht schlief ich wieder unter dem Moskitonetz von Pendo und wurde nur einmal durch eine etwas betrunkene Stella geweckt, die irgendetwas Wichtiges zu verkünden hatte. Ich war zu müde, um zuzuhören und schlief also so ziemlich sofort wieder ein. Am Sonntag erwachte ich wieder in aller Herrgottsfrühe und außerdem mit einem flauen Gefühl im Magen: Heute würden Mwanahamisi und Taleck abfahren.

Kuchen-Verteilung: Immer schön der Reihe nach!

Aber zuerst gab es endlich meinen Kuchen! Den zu kosten hatten wir gestern nämlich nicht mehr geschafft, vor allem, weil er sich kurzfristig in widerrechtlichem Besitz durch den Lehrer der Mädchen befunden hatte. Pendo hatte ihn dann zwar heldenhaft wieder zurückgemopst, aber da war es dann schon ganz schön spät gewesen. Trotzdem hat er auch am Morgen noch sehr gut geschmeckt!

Mwana und Taleck hatten geplant, so gegen 11 Uhr aufzubrechen. So musste ich schweren Herzens den Gottesdienst sausen lassen, obwohl es doch Sonntag und 4. Advent war. Oder das hätte ich natürlich nicht gemusst, wenn ich nur einen Augenblick lang nachgedacht hätte… Tatsächlich fuhren die beiden nämlich um 4 Uhr nachmittags. Die Zeit bis dahin verbrachte ich damit, das erste Mal selber Bohnen zu kochen und dabei eben auch ein bisschen vor mich hin zu weinen. Das lag sicherlich an der Anstrengung, verursacht durch Feier und Schlafentzug, aber eben auch daran, dass es jetzt einfach vorbei war. Ich kann von nun an nicht mal einfach so rüberkommen und dort zuverlässig jemandem zum Reden, Kochen und Lachen finden. Natürlich habe ich auch noch andere Freunde in Matema und es werden auch wieder neue Schülerinnen das Hostel beziehen, aber so, wie es war, wird es nicht mehr werden. Das ist traurig. Aber auf der anderen Seite: Ist es nicht wundervoll, dass ich in dieser kurzen Zeit so gute Freunde hier gefunden habe? Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet und das macht mir Mut: Ich werde noch weitere solche Freundschaften schließen, auch wenn das bedeutet, dass mir der Abschied, wenn ich selber dann wieder gehen muss, noch etwa zehnmal so schwer fallen wird!

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Zamoyoni hat wohl grade was Lustiges gesagt… Kommt häufiger mal vor 🙂

Wie auch immer, die Bohnen sind trotzdem gut geworden und ich habe mich dann auch schnell wieder beruhigt. Die Verabschiedung von Mwana und Taleck verlief kurz und schmerzlos. Beide werde ich mit Sicherheit auch nochmal wiedersehen: Die erste werde ich in Dar es Salaam besuchen, wenn ich auf dem Weg nach Sansibar dort Halt mache, die zweite wohnt in Tukuyu und das ist nur so drei Stunden von Matema entfernt. „Tutaonana!“ (=wir werden uns sehen) lautete also die Abschiedsformel.

Pendo und ich (warum halten die meisten hier die Kamera eigentlich so niedrig?)

Den Abend verbrachte ich mit Pendo. Zusammen machten wir nochmal Kuchen, den sie ihrer Familie mitbringen wollte. Während wir warteten, dass er gar wurde (oder wie nennt man das, wenn ein Kuchen fertig ist???), setzten wir uns auf meine Terrasse und „tumepiga Story“, erzählten uns also was von Gott und der Welt. Pendo heißt eigentlich Upendo, was Liebe bedeutet. Sie mag es aber nicht, wenn man sie so nennt. Pendo reicht. Sie hat „Mume na Mtoto“, also Mann und Kind und außerdem eine Mutter, der sie die nächsten Monate auf dem Feld helfen wird. Der Mais muss geerntet werden. Pendo ist vielleicht vier Jahre älter als ich. Im Hostel haben wir zusammen zu Eminen und Adele getanzt (oder ich hab es zumindest versucht). Ich glaube, wir sind uns in vielem ähnlich. Trotzdem sieht ihr Leben so völlig anders aus als meins! Umso spannender ist es also , sich zu unterhalten.

Später bin ich dann nochmal rüber zum Hostel gekommen, um den letzen „vollen Abend zu genießen: Am nächsten Tag würden alle bis auf Zamoyoni und Anisia aufbrechen, Neema und Baby sogar schon in der Nacht. Der Strom war mal wieder nicht vorhanden und so freute sich Baby ganz besonders über meine Kopftaschenlampe, mit deren Hilfe sie noch mal schnell die Haare von gleich zwei anderen Mädels flocht. Als ich aufbrach, versprach ich Zamoyoni und Anisia, morgen Abend noch ein letztens Mal bei Ihnen zu schlafen. Pendo und Zamoyoni begleiten mich noch bis zu meiner Haustür und es gab sogar noch ein Geschenk für mich: Mehl, Zucker, Tee, Öl und Seife. Alles Reste, die keinen Platz mehr im Gepäck, bei mir sehr gut noch Verwendung finden können! Asante!

Zwar nicht ganz scharf, aber doch zu erkennen: Anisia uns ich freuen uns!

Am Montag musste ich erst an Nachmittag arbeiten. So blieb noch Zeit, Eliza, Stella und Pendo zu verabschieden. Anschließend wurde zum letzten Mal Kuchen gebacken – diesmal für und mit Zamoyoni – und es kam auch zu einem letzen Fotoshooting. Nach der Arbeit nahmen mich die verbliebenen drei Mädels (immerhin eine mehr als erwartet – auch Mwenda hatte den Absprung noch nicht geschafft) mit zu Ntango, meinem Chef und ihren Lehrer, wo wir zum Abschied noch einmal reichlich mit Limonade bedient wurden. Es folgte meine letze Nacht im Hostel.

Dieses Mal musste ich selber früh aufstehen, denn heute hatte ich Frühdienst im Krankenhaus. Nach einem kurzen Bad im See brach ich auf und Zamoyoni versprach mir, mir eine SMS zu schicken, wenn sie aufbrechen würden. Das funktionierte leider weniger gut: Der Empfang im Krankenhaus ist aus irgendwelchen Gründen echt sch…lecht und so verpasste ich die Nachricht, was zur Folge hatte, dass ich nach der Arbeit in ein leeres Hostel trat. Das war schon echt blöd. Aber so ist das eben. Ich tröstete mich damit, dass ich meinen letzten ungeschneiderten Kitenge zu Neema brachte und dort ein neues Kleid in Auftrag gab. Dort bekam ich dann auch die Gelegenheit, beim Öffnen einer Flechtfrisur zu helfen. Schon fühlte ich mich gleich wieder ganz zugehörig. Es ist ja nun wirklich nicht so, also ob ich jetzt alleine in Matema wäre!

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Auch mit Eliza habe ich mir sare schneidern lassen – wir sind fast nicht zu unterscheiden, was?

Am Abend hieß es dann auch für mich: Sachen packen! Immerhin würde es morgen um 4 Uhr in der Früh auf große Reise gehen. Erst nach Magoye, um mit Fritzi und Tori dort Weihnachen zu feiern und dann weiter nach Dar es Salaam und Sansibar. Meine erste Reise ganz alleine seit dem Desaster von Morogoro nach Mbeya! Wie gut das gelaufen ist, lest ihr dann im nächsten Beitrag.

Erstmal aber: Inzwischen bin ich in Magoye angekommen und heute ist der 24.12. Draußen scheint die Sonne vom strahlend blauen Himmel und in der Obstschale liegen Mango, Ananas, Pfirsich, Melone, und Avocado, aber Orangen und Äpfel. Heute werden wir eine große Plätzchenbackaktion starten. Es wird sicherlich ein besonderes und ganz anderes Weihnachen.

Und trotzdem: Furahini! Amezaliwa Mwokozi kule mjini Bethlehemu! Heri ya Krismasi! Ninawakumbuka na kuwapenda. Freut euch! Der Erlöser ist in Bethlehem geboren! Fröhliche und gesegnete Weihnachten! Ich denke an euch alle und habe euch lieb.

Kurze Vorschau auf Weihnachten: Wenn es schon einen Ofen gibt, dann wird der auch genutzt!

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