Kazi ipo

am

Ein tansanisches Sprichwort besagt: „Mgeni ni baraka“, also „Ein Gast ist ein Segen“. Ich habe seit etwas mehr als einer Woche einen wahrhaftigen Segen bei mir wohnen: Fanny ist – wie schon öfter erwähnt – das letzte Jahr in Matema und auf meiner Stelle gewesen. Und jetzt ist mich für ein paar Wochen besuchen bekommen. Seitdem machen wir eigentlich fast alles zusammen und ich verstehe jetzt noch besser, warum es auch cool sein kann, mit einem anderen Freiwilligen zusammen das Jahr hier zu verbringen. Die Voraussetzung ist nämlich, dass der andere genauso viel Lust hat, sich ins „Matema Live“ zu stürzen. Und da ist Fanny genau die Richtige. So lautet das Motto dieser Zeit: „Kazi ipo“ – Arbeit/Beschäftigung ist vorhanden. Darunter stand auch der gestrige Tag:

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Fanny und …

Um sieben Uhr morgens hieß es erstmal trotz Wochenende: Raus aus den Federn und rein in die Hosen! Ja: HOSEN. Es lässt sich auf dem Feld nämlich ziemlich schlecht in Rock oder gar Kleid arbeiten. Dann ging es los: Erstmal zum Haus von Franziska, der Chefin unseres Chors. Die Feld-Aktion war nämlich auf dem Kakao-Feld der „Vijana“ (zu Deutsch: Jugendliche – der Name unseres Kirchenchors) anberaumt worden. Nachdem wir bei Franziska noch schnell ein Frühstück, bestehend aus selbstgemachtem Brot und Tee, bekommen hatten und ausgiebig von ihren zwei kleinen Söhnen bestaunt worden waren, machten wir uns gemeinsam auf dem Weg. Das Feld, das wir heute bestellen wollten, war lange als Friedhof genutzt worden. Da man die Toten aber inzwischen lieber auf ihrem eigenen Grund und Boden vergräbt, wurde das Areal den „Vijana“ zugesprochen. Man kann sich also gut vorstellen, wie so ein Feld aussieht, wenn es noch nie in irgendeiner Form zurechtgestutzt wurde: Ganz schön wild. So machten wir uns also daran, all das große und kleine Grünzeug auf dem Feld zu entfernen. Die Werkzeuge dafür waren Macheten und verschiedene Arten von Sicheln. Fanny und ich hatten unseren Spaß. Zusammen haben wir mehrere kleinere Bäume gefällt, wobei eine der größeren Sicheln unsere bevorzugte Waffe war.

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… ich beim Bäume schlagen

Nach dieser Aktion haben wir zwar beide ein paar echt fiese Blasen an den Händen, aber es hat sich trotzdem gelohnt. Während der Arbeit stimmte immer mal wieder eins der Chormitglieder ein Lied an und man konnte einstimmen, wenn man es denn grade zufälligerweise kannte. So lange ging die Aktion eigentlich gar nicht, aber als wir gegen elf wieder am „Haus Berlin“ ankamen, waren wir dann doch schon ziemlich fertig und mussten uns erstmal mit einem Bad im See erfrischen.

Danach ging es dann erstmal zu Pamela. Schon Fanny und Verena standen ja in engem Kontakt zu ihr und momentan geht es ihr echt noch schlechter als sonst. Der Regen in Matema hat sich verspätet, so dass das Essen knapp und teuer ist und Pamela hätte wohl auch für billiges Essen kein Geld. Weiterhin hat sie keine Arbeit und muss drei Kinder ernähren, von denen seit neustem gleich zwei in die Schule gehen und somit Schulkleidung, Hefte und Geld für das Schulessen brauchen. Wir versuchen, eine gute und nachhaltige Lösung für sie zu finden, haben aber eigentlich keine wirklich zündende Idee. Alles, was wir tun können, ist auch immer ein Geschenk von den “Wazungu“ und trägt somit dazu bei, dass Pamela uns weiterhin als Geldquelle sieht und dass auch die Dorfgemeinschaft keinen Anlass hat, sich mit ihr zu beschäftigen, weil sie ja uns hat. Schwierige Sache.

Nach dem Besuch bei Pamela ging es dann wieder zurück nach Hause. Auf dem Weg trafen wir nochmal Franziska, zusammen mit Brito und Dr. Mwakasita. Alle arbeiten im Krankenhaus und deshalb kennen wir sie ganz gut. Wir haben uns also noch ein bisschen unterhalten und versucht, Franziskas jüngeren Sohn ein bisschen an weiße Hautfarbe zu gewöhnen. Endlich zuhause angekommen ging es dann mach langer, laaaanger Zeit endlich mal wieder ans Aufräumen der Küche. Nicht etwa, weil es sich einfach gehört, mal von Zeit zu Zeit das Chaos zu beseitigen, sondern weil Fanny und ich einen Plan gefasst hatten: Wir wollten die Küche streichen! Das hatte ich mir ja schon vorgenommen, als ich den Raum das erste Mal betreten hatte, denn mal ganz ehrlich: Die Wand sah schon ganz schlimm aus. Also echt. Als ich Fanny von meinem bis jetzt natürlich noch nicht angegangenen Projekt erzählte, stellte sich heraus, dass Verena und sie sich dieses Ziel auch letztes Jahr schon gesetzt hatten. Wir beschlossen, dass jetzt die perfekte Gelegenheit dafür wäre, das Ganze auch mal in die Tat umzusetzen. Wir hatten also Farbe und alle möglichen Utensilien besorgt und wollten nun so richtig durchstarten. Leichter gesagt als getan. Ich hab ja schon bei dem einen oder andern Wohnungsanstrich geholfen, aber das ist alles schon ein bisschen länger her und außerdem wussten wir nicht so ganz genau, was das jetzt überhaupt für eine Farbe ist, dir wir uns da angeschafft hatten und wie die so genau vorzubereiten war. Und dann fiel uns ein, dass es ja auch noch ganz günstig wäre, wenn wir einen zweiten Pinsel hätten. So gingen wir erstmal zu dem einzigen Farb-/Elekro-/ Haushaltswarengeschäft, das es in Matema gibt und verwirrten den Ladenbesitzer nicht ganz wenig mit unseren Fragen. Das führte dann dazu, dass er nochmal schnell los spurtete und einen „Fundi“, also einen Experten vom Fach holte. Der wusste zwar auch nicht ganz genau, was wir wollten, gab sich aber alle Mühe, uns weiterzughelfen. Am Ende hatten wir dann so ungefähr, was wir wollten und zogen zurück ins Hauptquartier, wo wir allerdings weiterhin noch nicht starten konnten, weil dreifacher Besuch nahte.

Zuerst kamen die kleinen Schülerinnen, die mich fast jeden Tag besuchen, um sich zu unterhalten. Das ist eigentlich oft ganz nett, aber manchmal auch ein bisschen nervig, weil man sie so schwer wieder rausgeschmissen bekommt. Da rief es auch schon wieder vor der Tür: „Hodi“, Swahili für: Ich bin da und möchte rein. Jetzt war es James, auch er ein Schüler, aber schon ein bisschen weiter. Wir kennen ihn nicht von seinen Besuchen im Haus Berlin, sondern daher, dass er täglich ins Krankenhaus kommt, um seine Wunde reinigen zu lassen. Letztes Jahr war er in einen Unfall mit einem Pikipiki involviert und nun sieht sein rechtes Bein nicht mehr ganz normal aus und er sitzt im Rollstuhl. Ich kann nicht beurteilen, ob ihn das so erwachsen gemacht hat oder ob es einfach seine Art ist, aber auf jeden Fall unterscheidet er sich sehr von anderen Kindern in seinem Alter hier. Da er nicht reinkommen konnte, saßen wir auf der Treppe vor unserem Haus und hörten zu, wie er uns von den anderen Freiwilligen vor uns erzählte, von denen er viele besser kennt als wir selbst. Dann platzte auch noch Venance in die Runde, unser Arbeitskollege aus dem OP. Venance ist der klassische „Msumbufu“, wie er im Buche steht. Dieses Wort kann man vielleicht am besten mit „Störenfried“ übersetzten. Ohne zu fragen, ging er erstmal einfach in Haus und Fanny hatte alle Mühe, ihn wieder rauszuschmeißen. Wir beide kriegen regelmäßige Heiratsanträge von ihm – immer, wenn die eine nein sagt, geht er wieder zur anderen. Wir mögen ihn trotzdem. Er wollte und dann auch erstmal noch weiß machen, dass es einen Notfall-Kaiserschnitt im Krankenhaus geben würde. Wir hatten uns im Geiste schon halb die OP-Klamotten angezogen, als wir merkten, dass er uns doch nur auf die Schippe nehmen wollte.

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Professionelles Streichen – können wir!

Als wir dann endlich alle losgeworden waren, ging das Chaos erst so richtig los. Keiner von uns hatte einen wirklichen Plan, aber wir beide hatten Spaß und als Ergebnis lässt sich immerhin festhalten: Die erste Wand ist blau (und ein paar andere Sachen mehr jetzt auch­ – naja). Nachdem wir erfolglos versucht hatten, wenigsten die Pinsel und uns selbst notdürftig zu reinigen, gaben wir auf und begaben uns in die Kirche, um an der Chorprobe teilzunehmen. Angekommen, mussten wir zwei Dinge feststellen. Erstens: Obwohl wir mehr als eine Stunde zu spät waren, hatte die Probe noch immer nicht angefangen. Zweitens: Heute waren die Mitarbeiter des Krankenhauses an der Reihe, die Kirche für den morgigen Gottesdienst sauber zu machen. Also traf es auch uns zwei arme Würmer, die wir einfach grade mal so gar keine Motivation zum Saubermachen finden konnten. Haben dann trotzdem noch ein bisschen mitgeholfen und dann konnte die Probe auch beginnen. Schade war nur, dass ich heute wirklich wenig mit den Liedern anfangen konnte. Bei allen dreien kannte ich entweder den Text nicht oder die Choreografie war so schwierig, dass ich nicht ordentlich mitkam. Auch die anderen waren ganz schön müde, aber immerhin mussten wir das Ganze morgen ja aufführen, also keine Ausreden: das musste jetzt einfach geübt werden! Und siehe da, mit der Zeit war der eine oder andere Step dann doch nicht ganz so undurchschaubar mehr.

Nach der Probe waren wir dann restlos fertig und belohnen uns erstmal mit unserem zweiten Bad im See. Sauber, nun aber hungrig geworden wollten wir uns nun ans Kochen machen, als sich plötzlich eine Stimme vor dem Haus meldete: „Hodi? Kuna kazi!“ Die Stimme gehörte Saida, der Chefin des OPs und damit auch unsere. Sie hatte uns gerufen, weil es „kazi“, also Arbeit im Krankenhaus gab. Fanny hatte sie am Nachmittag gebeten, uns Bescheid zu geben, falls ein Notfall passieren sollte. Genau das war jetzt passiert. Fanny und ich guckten uns einmal an und schon war alles klar: Wir ließen alles stehen und liegen und rannten Saida hinterher. Als wir sie eingeholt hatten, erzählte sie uns auch, worum genau es sich überhaupt handelte: Es gab gleich zwei Notfall-Kaiserschnitte. So ging es also im Stechschritt zum Krankenhaus.

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Wir im OP 

Dort angekommen mussten wir feststellen, dass wir uns doch gar nicht so sehr hätten beeilen müssen – keine der beiden Patientinnen war schon im OP angekommen. So blieb uns immerhin genug Zeit, alles vorzubereiten und ein bisschen mit Venance zu quatschen, der diese Nacht Rufdienst hatte. Schließlich kam auch die erste Patientin an und auch der Doktor fand sich ein. In den nächsten drei Stunden entbanden wir (also eigentlich vielmehr Doktor Mahundi und Venance) zwei gesunde Kinder. Ich finde es immer sehr aufregend, wenn der Doktor das Kind aus dem Uterus zieht. Dann entscheidet sich nämlich: Fängt das Kind selbstständig zu atmen an oder muss nachgeholfen werden? Wir haben auch nicht selten Kinder, die Probleme damit haben, selbstständig zu atmen anzufangen. Das sind dann immer bange Momente, in denen versucht wird, die Atemwege freizubekommen und das Kind zum Schreien zu bringen. Die beiden Kinder dieses Abends (oder vielmehr dieser Nacht) haben aber beide Gott sei Dank nicht besonders viele Probleme verursacht.

 

Dann hatten wir die Arbeit beendet und ich guckte auf die Uhr. Was? Das kann doch nicht sein! Ganz sicher ist es noch nicht 1 Uhr in der Nacht! Wir haben doch noch nicht mal das Abendessen gekocht! War es dann aber eben doch schon.

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Nicht schön, aber schmackhaft – Mitternachtsmahl 

Was haben wir also gemacht? Wir sind zurück nach Hause, haben das Feuer angemacht, den Teig noch einmal gut durchgeknetet und dann habe ich Brot gebacken, während Fanny Erbsen in Kokosmilch gekocht hat. Um zwei saßen wir dann bei Kerzenschein (der Strom hatte sich mal wieder verabschiedet) am Wohnzimmertisch und aßen warmes Brot mit Erbsen. Lecker!

 

Satt und zufrieden legten wir uns anschließend in unsere Betten. Wie gut, dass wir am nächsten Tag zumindest ein bisschen ausschlafen konnten… Also so ungefähr bis sieben Uhr morgens, wenn das „Matema Live“ wieder mit viel Krach beginnt.

 

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Gisela sagt:

    Starke Frisur! Und das Kleid ist toll! Extravagante Halspartie. Verständlich, dass Du Dich zum Felder roden und Kinder entbinden dann mal umziehen musst.

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