Msiba 

 

Bedeutet so viel wie „Trauerfall“ Am Montag dieser Woche ist eine langjährige Mitarbeiterin des Krankenhauses verstorben. Sie war schon lange krank gewesen und hatte die letzten drei Monate ununterbrochen bei uns im Krankenhaus gelegen. Ich persönlich muss sagen, dass ich ihr nicht besonders nah gestanden habe und auch als sie krank war, hatte ich Angst, sie zu besuchen, wie es die Sitte eigentlich verlangt. Aber genau bei dieser Sitte lag das Problem: Ich wusste nicht genau, wie ich mich bei einem solchen Krankenbesuch verhalten muss. Irgendwann wurden Besuche bei ihr dann auch zu Gunsten der Ruhe der Mama (wie ich die Verstorbene hier nennen werde) verboten und ich war sozusagen „aus dem Schneider“.

Montagmorgen wurde ich noch früher als gewöhnlich wach. Ich kann nicht genau sagen, ob es das laute Weinen, das aus den Krankenhaus bis zu mir herüberdrang, geweckt hat, oder ob es Zufall war, aber auf jeden Fall war es kurz nach meinem Erwachen zu hören. Ich wusste von da ab also schon, dass jemand gestorben war, dachte aber noch nicht, dass es jemand sein könnte, den ich kenne. Im Krankenhaus sterben manchmal Leute. Das kommt vor.

Als ich dann vor die Haustür trat, um zur Arbeit zu gehen, kam mir Gema, die Chefin des Hotels, neben dem ich wohne, auf mich zu. Auf meinen Gruß „Habari ya asubuhi“, also „Was gibt´s Neues vom Morgen?“, antwortete sie nicht mit dem sonst üblichen „nzuri“ oder „salama“ (gut oder friedlich, sondern stattdessen mit „mbaya“, was so viel wie „schlecht“ bedeutet. Sie war also diejenige, die mir von dem Tod von der Mama berichtete. Aber selbst, wenn ich sie nicht getroffen hätte, wäre ich wohl nicht im Krankenhaus angekommen, ohne Wind davon zu kriegen: vor ihrem Haus wurden grade Stühle vor die Tür gestellt und darin wurde grade schon wieder ein herzzerreißendes Klagen angestimmt. Damit war die Sache eigentlich klar.

Im allmorgendlichen Report fiel dann auch sofort die Abwesenheit von den Betroffenen auf, wie etwa die unseres Chefarztes, dessen Schwägerin die Mama gewesen war. Als er beendet war, stand Heinke auf und bedanke sich dafür das alle sich „jikaza“ haben, um dazusitzen und zuzuhören, anstatt vor das Hospital und zum Msiba zu laufen. „Jikaza“ ist ein treffendes Wort: „Kaza“ bedeutet anspannen, sich zusammenziehen und „Ji“ ist das Reflexivpronomen. Somit zieht man sich selbst zusammen oder spannt alles in sich an, um nicht seinen Gefühlen nachzugeben.

Auf der Arbeit hatten wir dann erstmal zu viel zu tun, um uns mit weiter mit diesem Thema zu beschäftigen. Ein Notfallkaiserschnitt nach dem anderen wurde angemeldet, bis wir gegen 3 Uhr nachmittags dann ziemlich geschafft, ich aber zumindest auch glücklich wieder in Richtung zuhause spazieren konnten. Oder auch nicht: Schon am Tor des Krankenhauses stoppen wir, denn es gab was zu gucken. Der Platz vor dem Haus, in dem die Mama gewohnt hatte, hatte sich deutlich verändert: Man hatte viele „mikekas“ ausgebreitet (das sind aus Bast geflochtene Matten, die auf den Boden gelegt werden, um sich dann darauf zu setzen) und darüber provisorisch Planen über ein paar Balken gehängt. Darunter saß jetzt eine ganz schöne Menge von Frauen, alle traditionell für einen Msiba gekleidet. Wer sich das jetzt aber alles in schwarz vorstellt, der liegt gewaltig daneben: Auf einem Msiba trägt man als Frau einen Kitenge, der nicht zu einem Kleid geschneidert worden ist, und den man sich stattdessen ein bisschen wie ein großes Handtuch um die Hüften schlingt. Dazu trägt man denn noch am besten eine Menge Khangas (zur Erinnerung: Khangas sind die kleineren Tücher mit Sprüchen drauf, Kitenge die größeren ohne). Auf dem Khanga steht dann zum Beispiel: „Wir haben sie/ihn geliebt, aber Gott hat sie/ihn mehr geliebt“. Insgesamt gibt das also rein äußerlich ein ganz schön buntes Bild ab. Einige der Frauen stimmten grade wieder ein Klagen an. Die Männer saßen in einigem Abstand auf Bänken daneben und sahen zu.

Ich beschloss, erst einmal nach Hause zu gehen. Zum einen lag das daran, dass ich ja grade frisch aus der Arbeit kam, aber auf der anderen Seite hatte ich auch keine Ahnung, wie man sich auf so einem Msiba verhalten muss. Ich machte mir Sorgen, dass ich vielleicht in ein Fettnäpfchen treten könnte und beschloss deshalb vorläufig, dass ich nicht hingehen würde. So besuchte ich stattdessen eine Freundin im Krankenhaus. Sobald mich aber die Krankenpfleger entdecken, kam natürlich sofort die Frage auf, warum ich denn nicht auf dem Msiba sei. Ich versuchte zu erklären, dass ich mich fürchtete, weil ich das Ganze einfach nicht gewohnt war und außerdem noch nicht mal einen Kitenge zum Tragen hätte. Ikupa, die sich das ganze anhörte, schüttelte den Kopf und sagte, das sei ja wohl kein Grund, immerhin könnte ich auch einfach nur einen Khanga benutzen. Okay. Ich sah so langsam ein, dass an der Sache wohl kein Weg vorbeiführte, zückte mein Handy und fragte Faraja, meine Kollegin und Freundin aus dem OP, ob sie denn auch hingehen würde und ob wir zusammengehen könnten. Sie stimmte zu. Ich verabschiedete mich also aus dem Krankenhaus und machte mich daran, ein angemessenes Outfit für den Anlass zu suchen. 

Als ich auf dem Msiba ankam, hatte ich großes Glück. Grade in diesem Moment nämlich begann sich mein Chor in Position zu bringen. So hatte ich erst einmal nicht groß zu überlegen, was ich jetzt angemessener Weise zu tun hätte, sondern konnte mich einfach dazustellen. Die nächste Herausforderung lies natürlich nicht lange auf sich warten: Viele der Lieder, die wir sangen, waren schon so alt, dass ich sie noch nie mitgesungen hatte, geschweige denn die Choreographie kannte. Und natürlich stand ich mal wieder in der Mitte der ersten Reihe. Da hab es kein Verstecken. Also: Das Ganze mit Humor nehmen und einfach sein bestes versuchen. Damit kam ich auf Gott sei Dank die meiste Zeit durch. Selbstverständlich fiel ich auf – ist halt schwer zu vermeiden – aber ich glaube, dass sich zumindest keiner gestört hat, eher haben sich einige amüsiert – auf einer Beerdigung. 

Nach dem Singen hätte ich erwartet, dass ich mich jetzt wieder nach Hause verdrücken könnte, immerhin war es schon früher Abend. Da sieht man mal, dass ich noch eine absolute Msiba-Jungfrau war. Jetzt ging es nämlich erst richtig los: Die Musik wurde lauter gestellt und mehrere Mitglieder des Chors sprangen auf, um zu tanzen. Ich versuchte, mich zu weigern, aber Mama Elisha zog mich unbarmherzig auf die Beine. Jetzt hatte ich noch ein größeres Problem als bei den Choreographien: Wie tanzt man bitte auf einer Beerdigung? Meinem Verständnis nach eigentlich gar nicht… Ist Tanzen nicht eigentlich etwas, was Freude oder zumindest gute Laune ausdrückt? Auch hier halfen mir aber zum Glück die anderen weiter. Wir bildeten einen Kreis und bewegten uns in diesem – ein bisschen so, wie ich um ein Lagerfeuer tanzen würde. Eigentlich machte es echt Spaß und ich glaube, dass es nicht nur mir so ging. Aber darf man auf einer Beerdigung Spaß haben? Hier anscheinend schon.

Als ich nach einer Weile keine Lust mehr hatte, setzte ich mich zu ein paar meiner Kolleginnen aus dem Krankenhaus, die sich in der Nähe der Küche versammelt hatten. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie wir darauf kamen, aber schon kurze Zeit später waren wir in ein lebhaftes Gespräch über Männer vertieft – und ich fand mich in dessen Mittelpunkt wieder.

Zuerst ging es mal wieder darum, warum ich mir denn hier noch keinen „Mchumba“ (also Verlobten) gesucht hatte. Mal wieder erklärte ich also, dass das keinesfalls daran liegt, dass wir „Wazungu“ grundsätzlich keine farbigen Menschen heiraten, sondern dass eine solche Beziehung einfach ein kleines bisschen kompliziert werden könnte, sobald ich zurück in Deutschland wäre. Dieses Argument überzeugte wie immer nicht vollständig. Wieso ich ihn denn nicht mit nach Deutschland nehmen könnte? Ich konnte mich mit dem Hinweis auf unsere komplizierte Landessprache grade noch so retten. Dann aber kam ein neueres Gesprächsthema auf: Wen würde ich denn überhaupt nach Deutschland mitnehmen, wenn die Möglichkeit bestünde? Da musste ich schon ganz schön grinsen, denn ganz ehrlich: Es gibt schon coole Jungs im Krankenhaus und es macht Spaß, sich den einen oder anderen in Deutschland vorzustellen. Wir mussten alle ganz schön lachen, als wir schließlich einen unter dreien auserkoren. Danach ging es dann aber erst richtig los: Ich sollte nun die passenden „Wachumbas“ (das ist der Plural zu mchumba) für die Runde finden. Ein paar ordnete ich geschickt ihren wirklichen Partnern zu, ein paar andere versuchte ich von dem jungen Mann zu überzeugen, mit dem mich hier alle verkuppeln wollen und für ein paar andere schlug ich ein paar Jungs aus meiner alten Schule vor. Wir hatten viel Spaß und ein paar echt heftige Lachanfälle – auf einer Beerdigung.

Nach dem Essen bekamen wir den Auftrag, das Haus, in dem die Trauergäste schlafen sollten, zu säubern. Wie sich herausstellte war das auch echt nötig – der Staub lag fingerdick auf den Böden, auf denen die Gäste wiederrum schlafen sollten. Betten? So was braucht man doch nicht!

Als die Räume einigermaßen sauber und wir ziemlich dreckig geworden waren, ging es wieder ans Tanzen. Die Menschen hörten einfach nicht auf damit. Ich versuchte mitzuhalten und erntete viele heftige Lacher und auch Ermutigungen, aber gegen 11 Uhr abends war ich dann wirklich restlos erschöpft – immerhin hatte ich ja angenommen, dass ich mit dem Ganzen in zwei Stunden durch sein würde. Aber selbst als ich schon im Bett lag, konnte ich die Musik immer noch hören. Und das ging so weiter bis zum nächsten Morgen. Besonders ausgeschlafen war ich deshalb nicht, als ich zur Arbeit wankte.

Und auch am nächsten Nachmittag ging es munter weiter: Unser Chor sang noch länger und ausführlicher als am Tag zuvor und ich gab mein bestes, was das Tanzen anging. An diesem Abend bekam ich noch mehr von den logistischen Herausforderungen mit, die hinter dem Msiba steckten. Geschätzte 200 Personen wollten mit Essen und einem Schlafplatz versorgt werden. Einige meiner Kolleginnen standen von morgens bis abends in dem, was man hier Küche nennt. Darunter darf man sich nun aber nicht das vorstellen, was bei uns gemeinhin als Küche bezeichnet wird. Sie bestand aus mehreren Feuerstellen, auf dem große Töpfe mit Reis, Bohnen, Kohl oder auch Tee standen und einem Wasserhahn mit einigen großen Spülschüsseln. Der Wasserhahn in der Nähe und der Umstand, dass daraus auch wirklich Wasser kam, sind da noch als Luxus anzusehen. Diesen Abend versuchte ich, ein bisschen mitzuhelfen, gebe aber zu, dass ich wohl keine besonders große Hilfe darstellte. Nur beim Teller abräumen konnte ich einigermaßen mit den anderen mithalten. Beim Spülen der Töpfe erwies ich man dann schon als ziemlich nutzlos – der Reis war von unten am Topf festgebrannt und damit meines Erachtens unentfernbar. Das sahen meine Kolleginnen aber anders. Und tatsächlich bekamen sie alles wieder blitzblank, während ich nur staunend zusehen konnte.

Auch diese Nacht wurde getanzt und unser Chor durfte noch einmal einige Lieder zum Besten geben. Bei dem Lied „Vijana“ (= Jugendliche) fühlte ich mich irgendwie besonders motiviert und tanzte so heftig, dass mir zum einen fast der Kitenge, den ich mir um die Hüften geschlungen hatte, heruntergefallen wäre und zum anderen einige Zuschauer in Jubel ausbrachen. Ich will jetzt nicht sagen, dass das nur meinetwegen war, aber auf jeden Fall hatte ich höllischen Spaß – auf einer Beerdigung. Mitten in unser Gesinge platzte dann der letzte Trauergast, auf den alle gewartet hatten. Es handelte sich um eine der Töchter der Verstorbenen, die momentan noch zur Schule geht. Als sie aus dem Auto stieg, konnte sie vor lauter Schluchzen kaum stehen. Zwei andere Frauen mussten sie zu ihren Verwandten tragen, denen sie sich dann laut heulend in die Arme warf. Der Chor stand zuerst nur da und beobachtete die Szene, dann entschlossen wir uns, einfach weiter zu singen. Was hätten wir denn auch machen sollen? „Vielleicht trösten wir sie a so ein bisschen“, sagte Faraja noch, bevor wir uns wieder an die Lieder machten.

So habe ich die Erfahrung gemacht, dass man seine Trauer hier anders und offener zeigt als in Deutschland. Mir persönlich wäre es auf jeden Fall peinlich gewesen, mich „so gehen“ zu lassen. Natürlich wird auch auf deutschen Beerdigungen geweint, aber ich habe das Gefühl, dass man sich dabei mehr „jikaza“ oder zusammenreißt. Hier wird noch nicht mal der Versuch gemacht – im Gegenteil: Meinem Eindruck nach zeigten vor allem die Frauen durch ihr weinen, dass ihnen die Mama etwas bedeutet hatte. Warum das verstecken?

Auf der anderen Seite gab es aber auch viele Momente, die ich als Außenstehende als nicht typisch für eine Trauerfeier empfand. Wir tanzten, lachten und unterhielten und über Dinge, die gar nichts mit dem Anlass unseres Zusammenkommens zu tun hatten. Ich habe das genossen, bin mir aber nach wie vor nicht ganz sicher, ob das angemessen war. Vielleicht würde es der Mama aber auch gefallen. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, auch auf einer Beerdigung zu zeigen, dass das Leben weitergeht. Und vielleicht ist es auch der Mama so lieber – wer will schon, dass man der Grund für endlosen Kummer ist?

Am nächsten Tag, also dem dritten nach dem Tod der Mama, fand die Beisetzung statt. Auch hier war ich mir erst gar nicht sicher, ob ich überhaupt hingehen würde, denn sie fand nicht in Matema statt. Normalerweise werden Leichen von ihren Familien auf deren Grund und Boden beigesetzt, aber in diesem Fall hatte man sich dazu entschlossen, die Mama bei ihrem bereits verstorbenen Ehemann zu begraben. Der wiederum war schon Jahre zuvor gestorben und liegt seitdem bei einer kleinen Kirche im Wald in der Nähe von Mababu. Dieses Dorf ist noch wesentlich kleiner als Matema und ich war zuvor noch nie dort gewesen. So hatte ich keinen Plan, wie ich dahin kommen sollte.

Als ich aber am Nachmittag aus dem Krankenhaus kam, ging alles auf einmal ganz schnell und einfach. Ich schloss mich einfach erst einmal ein paar meiner Kolleginnen an, die mich zielstrebig erstmal zu Reis und Bohnen und damit zu einem Mittagessen brachten. Während wir noch aßen, wurde der Sarg der Mama in der Mitte des Versammlungsortes aufgestellt. Dort versammelten sich nun nach und nach alle Trauergäste und auch alle Krankenpfleger des Krankenhauses in ihren Uniformen. Glücklicherweise – denn ich hätte kaum Zeit mehr gehabt, mich umzuziehen. Der Pastor sprach ein kurzes Gebet und dann wurde der Deckel des Sarges geöffnet, damit die Trauernden die Verstorbene ein letztes Mal sehen konnten. In diesem Moment schaltete sich der Chor ein, und während die anderen einer nach dem anderen am Sarg vorbeigingen, sangen wir noch einmal ein paar Lieder. So bekam ich die Leiche nicht noch einmal zu sehen, dafür aber konnte ich die Reaktionen der an ihr vorübergehenden Menschen gut beobachten. Viele wagten nur einen kurzen Blick in den Sarg hinein, andere winkten der Mama ein letztes Mal zu und einige der engeren Familienangehörigen musste man stützen, als sie zum Sarg wankten, und sie dann mit Anwendung sanfter Gewalt wieder davon wegziehen.

Schließlich war die gesamte Prozession an dem Sarg vorübergegangen und die männlichen Krankenpfleger machten sich nun daran, diesen in ein Auto zu transportieren. In dieser Zeit wurde uns erläutert, wem es erlaubt war, auf die bereitstehenden Autos zu steigen und wem nicht. Es gab zwar einen Wagen für die Krankenpfleger, aber nur für solche, die sich vorher angemeldet hatten, damit zu fahren. Wir anderen, die das nicht getan hatten, wurden eindringlich ermahnt, auf keinen Fall einfach mitzufahren. Der Fahrer würde die Personen zählen, die mit ihm kommen würden.

Tja, da war ich nun erstmal etwas ratlos – wie sollte ich denn nun nach Mababu kommen? Wie sich herausstellte, war das gar kein Problem: Ich folgte einfach den anderen Chormitgliedern und fand mich zu meinem Erstaunen auf dem Wagen der Krankenpfleger wieder – also genau dort, wo wir eben auf keinen Fall sein sollten. Es beschwerte sich aber keiner und auch das mit dem Nachzählen fand aus irgendeinem Grund nicht statt. Naja, oder der Grund ist, dass wir alle so eng aneinander gedrängt auf der Ladefläche des Coasters stehen, dass man den einen eingekeilten Körper schon fast nicht mehr vom nächsten unterscheiden kann. So ruckeln wir also los – ca. 30 Personen auf höchstens 5 Quadratmetern offener Ladefläche über eine Schotterpiste in Richtung Mababu. Auf der Fahrt wurden ein paar „pambios“ angestimmt, das sind Rundgesänge, bei denen einer den Part des Vorsängers übernimmt und die anderen dann wiederum wieder in eine Art Refrain einstimmen. Den Rest der Zeit waren wir allerdings damit beschäftigt, nicht alle n einem Haufen übereinander zu fallen.

An der Kirche in Mababu angekommen hatte sich schon eine ganz schöne Menschenmenge versammelt. Als ich vom Auto sprang, sorgte ich bei den Umstehenden natürlich erst einmal wieder für erstaunte Blicke, aber ich beeilte mich, den anderen Chormitgliedern in einen etwas abgeschiedeneren Winkel der Versammlung zu kommen. Der Sarg samt Angehöriger, Pastoren und anderen Menschen war in der Kirche verschwunden, die dementsprechend rappeldickevoll war. Die Zeit, bis alle wieder dort herauskommen würden und der Gottesdienst im freien stattfinden konnte, versuchten wir als Chor noch mit einem letzten Lied zu überbrücken. Dann ging es los.

Der Bestattungsgottesdienst unterschied sich nicht allzu sehr von denen, an welchen ich in Deutschland teilgenommen hatte. Daraus lässt sich nun allerdings ncht allzu viel ableiten, denn glücklicherweise waren das noch nicht besonders viele. In der Predigt (die ich zu meiner großen Freude überwiegend sogar verstand) sagte der Pfarrer, dass das Leben auf der Erde nur eine Art Vorstufe sei zu dem, was danach kommt. Eigentlich warteten wir alle nur auf den Tag, an dem Jesus zurück auf die Erde kommen und alles besser werden würde. An diesem Tag würde für jeden, egal ob tat oder lebendig, offensichtlich werden, was man aus seinem Leben hier gemacht hat – etwas Gutes oder etwas Schlechtes. Und die Mama hätte eindeutig auf der guten Seite gestanden. Wir sollten also ihrem Bespiel folgen. Dann wurde noch etwas über das Leben der Verstorbenen erzählt, von ihrer Arbeit, ihren Kindern und ihren sonstigen Verdiensten, z. B. an der Kirche. Und schließlich machte sich die Prozession unter lautem Wehklagen der Angehörigen auf zu dem bereits ausgehobenen Grab, in das der Sarg hinabgelassen wurde. Dort entfachten die Krankenpfleger jeder eine Kerze. Auch mir wurde eine in die Hand gedrückt. Das brachte mich ein wenig in Verlegenheit: Immerhin habe ich ja gar nicht das Recht, mich zu denen zu zählen, sie ich hier schon mehrfach als meine „Kollegen“ bezeichnet habe. Ich bin gar keine Krankenschwester. In dieser Situation fehlte mir nun aber die Zeit, diesen Umstand ausführlich zu erklären. Und immerhin trug ich ja die Kleidung der Krankenpfleger, also wäre es nun auch komisch gekommen, wenn ich versucht hätte, mich einfach fortzuschleichen. So stand ich zusammen mit den anderen ganz vorne am Sarg und leistete den Schwur des Florence Nightingale, der ersten Krankenpflegerin der Welt. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, dass es so einen Schwur überhaupt gibt, aber er gefiel mir. Es ging um die Pflichten eines Krankenpflegers und wie diese zu erfüllen sind. Ich fühlte mich deshalb eigentlich nicht schlecht, als ich diesen Schwur, der ja eigentlich gar nicht für mich gedacht war, mitsprach. Immerhin tue ich in diesem Freiwilligendienst viele Dinge, die ansonsten die Arbeit einer Krankenschwester sind. Und durch den Schur wurde ich, vielleicht zusammen mit den anderen, daran erinnert, dass das ein ganz schön verantwortungsvoller Job ist.  

Nach unserem Gelübde ging dann alles ziemlich schnell: Auch hier in Tansania streute zuerst der Pfarrer ein wenig Erde auf den Sarg und sprach die rituellen Worte: „Aus Erde bist du genommen, zur Erde sollst du wieder werden. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Dann erst wurde das Grab von jungen Männern zugeschaufelt. Mit einem Spartenstiel wurde anschließend ein Kreuz in die frisch aufgeworfene Erde gedrückt. Nun wurden die nahen Verwandten einzeln aufgerufen, um einen Kranz auf das Grab zu legen. Viele konnten wieder nicht alleine gehen, sondern mussten von mehreren gestützt werden. An dieser Stelle kam ich mir noch ein letztes Mal sehr fehl am Platz vor, weil ich so weit vorne stand (was meiner Dienstkleidung und meiner Hautfarbe geschuldet war), obwohl ich die Mama doch kaum gekannt hatte.

Aber dann war auch schon alles vorbei. Die Versammlung löste sich auf und alles eilte zu den bereitstehenden Wagen. Auf der Rückfahrt fing es an zu regnen und die Tropfen prasselten uns mit einer Wucht ins Gesicht, dass es fast schon wehtat. Ich musste an die deutsche Redensart „Der Himmel weint“ denken und erzählte Marry, die neben mir eingekeilt war, davon. Sie nickte. „Wir sagen das auch so.“ Na sieh mal einer an.

Das war also der erster Msiba, den ich aus nächster Nähe miterleben durfte. Einige seiner Elemente haben mich überrascht, weil man sich das für eine deutsche Beerdigung nur schwer vorstellen könnte, anderes aber kam mir dann wiederum doch sehr bekannt vor. Obwohl es für mich alles in allem eine schöne Erfahrung war: Wollen wir mal hoffen, dass dieses erste Mal auch gleichzeitig das letzte gewesen ist!

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gisels Sauter-Ackermann sagt:

    Das ist ja wirklich eine sehr eindrückliche Schilderung!

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  2. Gisela sagt:

    Eine wirklich eindrückliche Schilderung.

    Gefällt mir

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