Ein ganz anderes Leben

Mein Leben in Matema. Es ist so ganz anders als ich in Deutschland gelebt habe. Also echt so anders. Warum?

Der Weg nach Matema – ein bisschen anders die Schloßstraße in Berlin

Klar – erst einmal lebe ich grade hinter dem letzten Mond und nicht mehr in Berlin. Obwohl ich ja quasi an der Hauptstraße des Dorfes wohne, kann man das nicht gerade mit der Schloßstraße in Steglitz vergleichen: Hier wird man morgens vom Krähen des Hahns geweckt – nicht von vorbeirasenden Autos. Auf dem Markt bekommt man so gut wie alles – wenn man Tomaten, Zwiebeln oder Bananen sucht. Die Leute auf der Straße bleiben einfach stehen und halten ein Schwätzchen, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, ob sie den Ärger anderer Passanten wecken könnten.
Und ich bin keine einfache Beobachterin von außen: Ich liebe es, auf dem Weg zum Markt angesprochen zu werden. Ich liebe es, nach der Arbeit einfach schnell über den Markt zu schlendern, mir Bananen und Maandazi zu kaufen und dann zu Hause auf der Terrasse zu sitzen, um dem Treiben auf der Straße zuzusehen und die Leute, die ich kenne, zu grüßen. Ich wache jeden Morgen vor 7 Uhr auf – hier kann ich nicht sagen, dass ich das liebe. Aber immerhin hat es seinen Nutzen. In Deutschland war ich gerne mit Kopfhörern durch den Strom der anderen Fußgänger geschwommen. Oder kennt Ihr das, wenn man in Bus oder Bahn einen Bekannten trifft und so denkt: „Och nöö, jetzt muss ich mich auch noch unterhalten …“ Das war ich. Weiterhin habe ich immer gerne so lange wie möglich im Bett herumgelegen und gefaulenzt. Das kann ich hier gar nicht! Zum einen liegt das an der Hausarbeit, die (wenn überhaupt) bei mir am frühen Morgen verrichtet wird. Unter Tags habe ich schließlich Wichtigeres zu tun! Zum anderen bin ich es aber auch sonst einfach viel schneller Leid, nur so im Bett herumzuliegen – ich freue mich einfach viel zu sehr auf das, was hinter meiner Haustür liegt!

Der Markt in der Mittagshitze – ein bisschen anders als der nächste Edeka

Was die Verfügbarkeit von bestimmten Dingen hier in Matema angeht: Ich habe momentan überhaupt kein Problem damit, mich jeden Tag von Reis und Bohnen zu ernähren. Wenn ich daran denke, was ich in Deutschland alles gegessen habe … Jeden Tag in der Woche bekam man ein anderes Abendessen von Mama auf den Tisch gesetzt. Wenn man sonst noch Hunger oder Lust hatte – ab an den Kühlschrank oder doch besser gleich zu REWE. Auf der anderen Seite ist mir jetzt klar, in was für einen ungeheurem Luxus wir leben. Und es ist wirklich wahr: Ich brauche diesen Luxus nicht wirklich. Klar, manchmal würde ich schon einiges für ein gutes Käsebrot hergeben. Aber die meiste Zeit denke ich gar nicht daran, dass es irgendwo auf der Erde vielleicht noch so etwas wie Käse geben mag. Es gibt natürlich auch noch andere Dinge, die hier unten mal ganz nützlich für mich wären. An erster Stelle stünde da die Waschmaschine. Das Wäschewaschen mit der Hand kostet Zeit, macht müde und außerdem meine Hände kaputt. Aber ansonsten – wozu brauchen wir diese ganzen anderen Maschinen überhaupt? Geht doch auch ganz gut ohne! Wenn ich zum Beispiel überlege, dass ich in Deutschland ganz stolz darauf war, meinen Kuchen ohne die Hilfe einer“ Kitchen Aid“ zusammenrühren zu können (dafür aber mit der eines Rührgeräts, dem Herd, der Mikrowelle und natürlich dem Backofen, wie bescheiden, ja geradezu spartanisch …)! Für den gleichen Vorgang benutze ich momentan meine große Pfanne als Schüssel, einen Esslöffel zum Rühren und Kohle als meinen Backofen. Wenn man nach dem Urteil meiner OP Kollegen geht, schmecken auch hier die Ergebnisse hervorragend.

Ein cooler Kekskuchen – ein bisschen anders produziert als ich das in Deutschland gemacht hätte ( Puderzucker? Zuckerperlen? Kuchenform? – Fremdwörter!)

Aber abgesehen davon, dass ich hier gelernt habe, wie wenig materielles Gut ich unbedingt brauche, gibt es da noch einen Grund dafür, warum man mich in Matema so gut wie nie in meinem Haus findet: Es ist hier so einfach soziale Kontakte zu finden!
In Berlin hatte ich nie viele Freunde, dafür aber dann eher sehr gute. Es ist mir nicht immer leicht gefallen, mich an meinem Gegenüber zu öffnen und schnell großes Vertrauen zu ihnen zu fassen. Freundlich sein fiel mir somit auf jeden Fall leichter als Freundschaften zu schließen.
Auch hier laufe ich natürlich nicht den ganzen Tag von Tür zu Tür, um neue Leute in mein Herz zu schließen. Aber tendenziell geht das hier wesentlich schneller als das in Berlin der Fall war. Und ich muss mich dabei überhaupt nicht anstrengen – das passiert einfach von ganz alleine.
Vor etwa fünf Monaten kam zum Beispiel eine neue Krankenpflegerin zu uns ins Krankenhaus. Als sie sich an ihrem ersten Arbeitstag vor versammelter Mannschaft vorstellte, war ihre Stimme so leise, dass man zweimal nachfragen musste, wie sie den nun hieße. Somit hielt ich „Hilda“ zunächst für ein recht schüchternes Mädchen – bis sie etwa drei Stunden später zu uns auf die Station kam, um sich ein bisschen umzusehen. Im Nursing Office fand sie erst einmal mich vor und somit fand sie heraus, dass ich Kishuahili spreche. Nach zwei Minuten Unterhaltung war klar: Wir mögen einander! Hilda ist witzig, fröhlich und quirlig, aber hat auch Freude an der Arbeit im Krankenhaus – also genau mein Fall! Sie gab dann auch den letzten Ausschlag für mich, um meine Versetzung von der Erwachsenenstation in den OP zu bitten. Dort angekommen lernte ich sie dann erst richtig kennen. Und so nahm sie mich dann eines Tages zu sich mit nach Hause mit. Seitdem habe ich neben den Schwesternschülerinnen, zu denen ich so gut wie jeden Abend gegangen bin, noch eine Alternative. Bei Hilda ist abends immer gut was los. Mit großer Wahrscheinlichkeit trifft man schon mal ihre kleine Schwester Rahabu und Christina, deren Freundin und Mitbewohnerin, an. Noch lustiger wird es, wenn sich an manchen Abenden auch andere Leute dazu entscheiden, diese drei zu besuchen. Dann wird oft bis in die Nacht geschwatzt und gelacht – sei es über Geschichten aus dem Krankenhaus, sie es über die neusten Tratsch – und Klatschgeschichten. Sowieso habe ich den Eindruck: Wenn man einmal bei jemandem Zuhause war, gehört man schon fast zur Familie. Man kann nämlich jeder Zeit unangemeldet wiederkommen und bekommt dann fast mit Sicherheit neben einem herzlichen Karibu (Willkommen) auch eine Portion Reis oder Ugali aufgetischt, die mich in den meisten Fällen hoffnungslos überfordert.

Ein Bad im See – ein bisschen anders gekleidet als die deutsche Bademode das vorschreibt

Während mir am Anfang noch immer erzählt wurde, dass man sich besser von dem anderen Geschlecht fernhalten sollte, weil man sonst falsche Signale senden könnte, stelle ich inzwischen fest, dass ich mich auch mit den Jungs im Krankenhaus sehr gut verstehe, ohne irgendwelche Probleme dabei zu bekommen. Nun gut, vielleicht wird ab und zu mal eine kleine lustig gemeinte Bemerkung fallen gelassen, wenn ich mit diesem oder jenem zusammen gesehen werde. Aber ich habe schon das Gefühl, dass es in den meisten Fällen bei diesen Witzchen bleibt.

Osea und ich – ein bisschen anders, als sich das „gehört“

Mein Leben hier unterscheidet sich aber auch noch in anderer Hinsicht sehr von dem, was ich in Deutschland erlebt habe: Hier bin ich bin ein bunter Hund – oder zumindest ein weißer. Überall, wo ich hingehe, bin ich eine Ausnahme und etwas Besonderes, ohne etwas dafür getan zu haben. Auch wenn es in Matema inzwischen ein bisschen besser geworden ist, drehen sich sicherlich immer noch ein paar Köpfe nach mir um, wenn ich über den Markt oder durchs Krankenhaus gehe. Man gewöhnt sich daran, aber genau darin sehe ich auch das Problem. In Deutschland werde ich erst mal wieder damit klar kommen müssen, in der weißen Masse unterzugehen. Was ist bloß mit diesen Menschen hier los?, werde ich mich fragen. Warum beachten sie mich denn so wenig bis gar nicht? Ich werde hier nämlich ganz schön verwöhnt: Meine Meinung interessiert jeden – auch Erwachsene. Mein Aussehen wird hier als sehr schön empfunden. Meine Fähigkeit Kisuaheli zu sprechen, macht mich sogar im Vergleich zu anderen Weißen, die hier in Matema vorbeikommen, noch attraktiver. Wenn ich einen Raum betrete oder über die Straße gehe, wird mir fast immer mehr Aufmerksamkeit zu Teil als ich verdiene. Ja manchmal ist das natürlich auch nervig, aber auf der anderen Seite fühlt man sich immer gleich wichtig, ernst genommen und geschätzt – auch wenn man gar nichts dafür getan hat, um diesen Status zu erlangen.

Natürlich gibt es da auch Leute, die mich nicht nur wegen meiner Hautfarbe mögen: Ich glaube und hoffe sogar, dass das bei den meisten so ist, mit denen ich viel Zeit verbringe. Trotzdem. Dieser besondere Zusatz ist immer da, ohne dass ich ihn abschalten könnte. Umso schöner ist es, wenn ich in manchen Momenten, z. B. wenn ich im OP mitarbeite, bei Neema, meiner Schneiderin, oder bei Hilda sitze und fast vergesse, dass ich nie vollständig dazugehören werde.
Ich denke, dass dieses „automatische Besonders Sein“ einer der Gründe ist, warum sich viele Weiße so in das Leben in Tansania verlieben, dass sie gar nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren wollen, Gerade, wenn man schon ein paar Jahre länger als ich hier gelebt hat, ist man hier fast mit Sicherheit zu jemandem geworden, den man in seinem Umfeld kennt und schätzt. Im Heimatland dagegen hat man in der Zwischenzeit einiges verpasst und die Kontakte dorthin sind mit den Jahren immer spärlicher geworden. Da bleibt man doch lieber da, wo man sich auskennt und zusätzlich noch sehr gut leben kann, oder?
Ich möchte mit meiner These keineswegs unterstellen, dass sämtliche weiße Gäste hier in Tansania nur aus solchen Gründen hier bleiben. Ich kann nur aus meinen eigenen Erfahrungen schließen. Und ich habe mich bereits nach einem Jahr restlos in das Leben in Tansania verliebt. Kann ja sein, dass es auch anderen so geht.
Das waren jetzt nur ein paar Gedanken zu dem Thema „ein anderes Leben“. Man könnte sicherlich noch etliche andere Beispiele finden und außerdem genauso viele Gemeinsamkeiten. Wenn ich noch einmal die Zeit habe, wäre das auch tatsächlich nochmal eine gute Idee für den nächsten Blogbeitrag: Alles in allem ist das hier nämlich auch nur ein ganz normaler Flecken Erde mit ganz normalen Menschen drauf, die ihre Gewohnheiten pflegen, ihre Probleme haben und irgendwie versuchen, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr. 

Bis dahin tschüss! Eure Carla 

Schöne Grüße von uns (Shaney, Upendo und mir) hier hinterm Mond

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gisela Sauter-Ackermann sagt:

    Einfach großartig! Und jetzt, nachdem wir dich besucht und alles life gesehen haben wirken deine Schilderungen noch eindrücklicher: Z.B. wenn Du schreibst, dass du gelernt hast, mit wie wenig du klarkommen kannst. Das können wir nur bestätigen! Wir jedenfalls waren erlääeichtert, als der Luxus der Luxus uns wieder hatte.

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  2. M. sagt:

    Hmm Maandazi!
    Lieben Gruss aus Potsdam. 🙂

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    1. carliola sagt:

      Hehe Danke ! Ich vermisse sie auch

      Gefällt mir

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