Abendliche Gespräche

am

Vor ein paar Tagen war ich abends bei meinem Kumpel Venance zuhause. In den letzten Wochen haben wir erst richtig gemerkt, dass wir uns echt gut verstehen und vor allem über alles mögliche reden können. Also hatten wir vereinbart, dass ich abends bei ihm zum Essen vorbeischauen würde. Wir hatten schon im Voraus Schweinefleisch gekauft, für dessen Zubereitung Venance zuständig war. Ich sorgte also noch für ein paar Bananen und eine Kokosnuss zum schnabulieren und fertig. Schon als ich durch das Gatter zu Venance Zimmer spazierte, wusste ich, dass es heute ein cooler Abend werden könnte. Neben Venance war nämlich auch Wambula, sein Nachbar und ebenfalls Krankenpfleger zugegen. Und tatsächlich: Kaum saßen wir mit unseren Bananen auf Venance Türschwelle, fingen wir an, zu reden.

Wie schon erwähnt: Mit Venance und Wambula kann man sich prima unterhalten. Oft kommen unsere unterschiedlichen Kulturen zur Sprache, aber auch die Arbeit, das Leben in Matema oder das Verhältnis zwischen Mann und Frau werden gerne immer mal wieder diskutiert. Heute kam letztens an die Reihe:  Ich stellte die Frage in den Raum, warum Frauen in Tansania rein vom Sprachgebrauch her nicht heiraten, sondern nur verheiratet werden können. Auf Kiswahili wird bei einer Frau wird bei einer Frau nämlich immer nur der Passiv benutzt, um den Vorgang der Eheschließung zu beschreiben. Ich erklärte Wambula und Venance, dass das aus meiner Sicht nicht fair sei. Warum soll frau denn dem Mann nur zu geteilt werden, wenn dieser doch frei wählen darf? Die beiden versuchten, mir das folgendermaßen zu erklären:

Wenn ein tansanischer Mann heiraten will, muss er erst einmal „Mali“, an die Familie seiner Zukünftigen ausliefern. „Mali“ ist quasi der Brautpreis, der (je nach dem Umständen, in denen sich die Familien von Frau und Mann sich befinden) schon gern mal zwei bis vier Kühe, Geld, andere Nutztiere, Bettlaken, weitere Haushaltsgegenstände und noch vieles mehr beinhalten kann.

Wenn das also bereits passiert ist, hat der Ehemann seine Ehefrau praktisch gekauft und diese muss nun ihre Pflichten als eine solche erfüllen, wenn die nicht als schlechte Ehefrau gelten will, deren Familie am Ende noch den erhaltenen Mali zurückerstatten muss, weil die Frau ihren Teil der Abmachung nicht eingehalten hat. So, wie ich das verstanden habe, ist dass eine sehr große Schande für die Familie der Frau.

Zu den erwähnten Pflichten gehören selbstverständlich sämtliche Arbeiten im Haus (also Sauberkeit, Waschen, Kochen usw.), aber z.B. das Gebären und Großziehen der gemeinsamen Kinder und die Gehorsamkeit gegenüber ihrem Ehemann. Wenn dieser etwas entscheidet, hat die Frau im Grunde genommen nicht zu widersprechen. Im besten Fall kann sie versuchen, ihn umzustimmen.

Das, was mich an der Sache aber am meisten erstaunt hat, ist jedoch folgendes: Selbst, wenn sowohl Ehefrau und Ehemann beide gleichermaßen einen Job haben und vielleicht sogar einen ähnlichen Lohn bekommen: Wenn es um die Bezahlung von Essen, Ausbildung der Kinder oder sonst notwendige Anschaffungen im Haushalt oder in der Familie geht, muss der Mann dafür ganz alleine aufkommen. Die Frau verwendet das Geld, das sie selbst verdient hat, nur zur ihren persönlichen Zwecken. Ihre Pflichten als Ehefrau muss sie aber nach wie vor alleine schultern, selbst, wenn sie vielleicht wesentlich später von der Arbeit zurückkommt als ihr Mann.

Als Wambula mir das erzählte, konnte ich es zunächst gar nicht glauben. Immerhin habe ich genug Freundinnen im Krankenhaus, die zwar verheiratet sind, ihr Geld aber trotzdem nicht einfach so zum Fenster rausschmeißen können. Sie gehen nicht zum Spaß zur Arbeit, sondern weil sie müssen. Bei manchen würde es mich sogar nicht wundern, wenn sie mehr zum Haushaltsgeld beitragen als ihre Ehemänner. Das mussten auch die beiden Jungs zugeben. Die Zeiten hätten sich eben geändert, sagten sie. Die Frauen wären schlauer geworden und hätten deshalb eben auch angefangen, Geld für die Familie einzubringen. Für den Mann sei ein solcher Fall allerdings ziemlich peinlich: Wenn etwa die Dorfgemeinschaft erkenne, dass in einer bestimmten Familie die Frau den größten Anteil zum Einkommen der Familie beitrage oder gar selbst Entscheidungen treffe, die ihre Familie angingen, würde die allgemeine Wertschätzung für den Mann sehr stark sinken. Dann könnte nämlich auch von ihm gesagt werden, dass er verheiratet worden sei, also nicht selbst geheiratet habe. Das wiederum sei eine der schlimmstmöglichen Beleidigungen, die man gegenüber einem Mann in Tansania aussprechen kann.

Man kann es also so zusammenfassen: In der Tradition Tansanias, wie sie mir dargestellt wurde, muss ein Mann, der eine Frau heiraten will, diese erst gewissermaßen kaufen. Damit verschafft er sich ein gewisses Recht über sie, übernimmt aber auch die Verantwortung, für sie und die gemeinsamen Kinder finanziell zu sorgen. Im Gegenzug sollte die Frau es ihrem Mann ermöglichen, sich ganz auf seine Aufgaben (sprich Geld verdienen und Entscheidungen treffen) zu konzentrieren. Arbeiten, die keine Entscheidungskompetenz erfordern, nimmt sie ihm ab. Wenn er nach Hause kommt, soll er sich nicht damit herumschlagen müssen. Selbst, wenn sie dieser Tage selbst etwas zum Einkommen der Familie beiträgt, bringt ihr das keine Entscheidungskompetenz bezüglich ihrer Familie. Der Mann steht weiterhin über ihr und sie muss ihm gehorchen. Das wird sicherlich nicht in jeder einzelnen Familie in Tansania so sein. Es gibt auch hier starke Frauen und einsichtige Männer, die sich gegenseitig beraten und dann gemeinsam entscheiden. Dir Tradition des Patriarchats ist mir hier aber doch vermehrt so begegnet, wie Venance und Wambula sie mir beschrieben hatten.

Zusätzlich erklärten die beiden mir, dass dieses Verhältnis ja auch schon in der Bibel festgelegt worden sei. Mann und Frauen gäbe es, damit sie sich gegenseitig helfen. Und immerhin habe Gott habe aus der Rippe Adams gemacht, weil er allein nicht zurecht gekommen sei. Die Eva sei erschaffen worden, um ihm Arbeit abzunehmen.

Ich konnte dem Ganzen natürlich so nicht zustimmen: Schön und gut, Gott hat Mann und Frau erschaffen, damit sie sich gegenseitig helfen und keiner kann ohne den anderen. Aber wo in der Bibel steht denn bitte, dass die Frau die Wäsche waschen soll, während der Mann auf die Suche nach Geld gehen muss?

Und außerdem: Meiner Ansicht nach können Frauen mindesten genauso intelligent sein wie Männer. Warum sollten sie bei wichtigen Entscheidungen, die sie und ihre Familie betreffen, nicht mitreden dürfen?

Wir haben dann noch lange, lange diskutiert. Einig sind wir uns nicht geworden War ja auch nicht zu erwarten. Wir sind von unseren unterschiedlichen Kulturen beeinflusst. Was ich für selbstverständlich hinnehme, ist für Venance und Wambula manchmal unvorstellbar. Genauso ist es umgekehrt.

Ich liebe es, wenn solche Gespräche und Diskussionen entstehen. Nach längerem Nachdenken bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass sie der Grund sind, warum ich zusammen mit anderen Volontäre ins Ausland geschickt worden bin und auch, warum noch weitere geschickt werden sollten. Dialog. Über den eigenen Tellerrand hinausgucken. Versuchen, zu verstehen. Einsehen, dass manches nicht den eigenen Vorstellungen entspricht, daran aber nicht den Mut verlieren, sondern versuchen, den Blickwinkel zu ändern. Das ist nicht immer einfach und so manches Mal in diesem Jahr ist es mir nicht gelungen.

Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, dass es wichtig ist, es weiter zu versuchen. Vor allem für mich als Gast in einem fremden Land, aber vielleicht auch ein bisschen für die, denen ich hier begegne. Mancher kann hoffentlich durch mich auch ein bisschen was von meiner Welt und den Ansichten, mit denen ich aufgewachsen bin, erahnen. Vielleicht erinnert sich einer der beiden Jungs in ein paar Jahren ganz dunkel an unser Gespräch, wenn die Frauen Tansanias verstärkt gleiche Rechte in der Ehe fordern werden. Vielleicht aber auch nicht. Dann war es einfach ein gutes Gespräch unter Freunden. Auch das ist schon mehr als genug.

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