Letzter Arbeitstag

Alles war so wie immer. Gegen sieben wachte ich von alleine auf, Katzenwäsche und dann die Arbeitsklamotten überschmeißen. Auf dem Weg ins Krankenhaus grüßte ich Neema, die heute schon früh zur Arbeit gekommen war und erinnerte sie an mein letztes Kleid, das noch unfertig bei ihr lag. Pünktlich um halb acht traf ich im Krankenhaus ein und setzte mich ein letztes Mal in den Morning Report. Es wurden viele Operationen für den heutigen Tag angekündigt, aber leider konnte ich mich darauf nicht wirklich konzentrieren. Auch als James, der verletzte Schuljunge, dessen Wundversorgung ich in der letzten Zeit fast täglich übernommen hatte, an uns vorbei zum OP rollte, blieb ich auf meinem Platz und starrte auf den Zettel in meiner Hand.

Dann war der Moment gekommen: „Karibu matangazo““ (=Wer hat eine Ansage zu machen?“). Ich stand auf und stellte mich vor die Versammlung. Genau hier hatte ich vor einem Jahr bei meinem Arbeitsbeginn gestanden. Damals hatte ich micht nicht vorbereitet und gerade mal drei Wörter gebrochenes Kiswahili herausgebracht. Heute hatte ich meinen Zettel.

Immer wenn ich offiziell vor Leuten sprechen soll, geht es mit meinem Kiswahili bergab. Trotzdem denke ich, dass mein Hauptpunkt rübergekommen ist: Ich bedankte mich für all das, was ich an Freundlichkeit, Verständnis und Offenheit in diesem Jahr erfahren hatte.

Anschließend stand Daktari Mwasongela, unser Chefarzt, ebenfalls auf. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Auch er dankte mir für die gute Zusammenarbeit und wünschte mir alles Gute für das Studium. Anschließend sprach er mir ein „Karibu tena“ (=ein erneutes Willkommen) aus, wenn ich mein Studium abgeschlossen haben sollte.

Ich war von seinen Worten richtig gerührt. „Natürlich komme ich wieder!“, versprach ich. „Vielleicht nicht gleich, um hier zu arbeiten, aber auf jeden Fall, um Euch wiederzusehen.“

Das reichte mir und den anderen dann ermal an Gefühlsduseligkeit. Wir gingen also an die Arbeit. Davon gab es heute auch wirklich nicht zu wenig: Ganze vier OP’s standen auf dem Plan. Wir begannen mit einem Kaiserschnitt. An sich ist das ja nichts Besonderes: Tag und Nacht werden hier bei Geburtskomplikationen Notfall-Kaiserschnitte durchgeführt. Das Außergewöhnliche hier war, dass wir diese OP schon vor zwei Tagen geplant hatten. Es handelte sich also um einen elektiven, keinen Notfall-Kaiserschnitt. Der Grund: Die Mutter hatte schon ihre letzten beiden Kinder durch Operationen zur Welt gebracht – beide Male hatten die Wehen einfach nicht eingesetzt. Bei dieser dritten Schwangerschaft hatte sie den Stichtag nun ebenfalls schon um zwei Wochen überschritten. So wurde beschlossen, kein Risiko für das Kind einzugehen und es zu entbinden, bevor es doch noch Probleme im Bauch der Mutter bekommen könnte.

Wie immer spielte ich das Mädchen für alles im OP, während meine Kollegin Jacky sich steril machte und am OP-Tisch assistierte. Die OP verlief zunächst normal: Nach wenigen Minuten hielt Daktari Mwakasita ein heftig schreibendes Baby in den Armen, das er schnell an die bereitstehende Hebamme übergab. Nun machte er sich daran, Uterus und Bauchdecke wieder zu reparieren. Ich war gerade zu dem Säugling hinübergegangen, um ihn genauer zu betrachten, als Jacky mich zu sich rief. Ihr ging es offensichtlich nicht gut. Sie bat mich zunächst, ihr einen Stuhl unterzuschieben, dann darum, ihr den Mundschutz abzunehmen. Es half alles nichts. Plötzlich stand sie auf und hatte gerade noch Kraft, aus dem Raum zu wanken und die blutigen Handschuhe abzustreifen. Dann musste sie sich flach auf den Boden legen.

Da standen wir nun: Daktari Mwakasita sah mich an und deutete dann zum Waschbecken. Ich brauchte keine zweite Aufforderung. Schnell wusch ich mir die Hände, zog Handschuhe an und machte mich mit Hilfe von Saida, unserer Anästhesistin, steril. Bevor ich noch richtig darüber nachgedacht hatte, stand ich schon am OP-Tisch und assistierte dem Doktor.

Ich hatte mich zwar schon einmal steril gemacht, aber immer zusammen mit einer anderen Krankenschwester bzw. –bruder aus dem OP-Team. Nun aber war ich alleine. Es hat mir wirklich wahnsinnigen Spaß gemacht! Natürlich hatte ich zunächst ein bisschen Respekt vor der Situation, aber Saida half mir, indem sie mir erklärte, was ich genau zu tun hätte. Die ganze Zeit über war ich mir meiner großen Verantwortung bewusst und versuchte, möglichst viel vorauszudenken: Was ist der nächste Schritt? Was könnte der Doktor als nächstes brauchen? Wird er nähen? Haben wir den richtigen Faden? Natürlich kamen wir deutlich langsamer voran, als es normalerweise bei einem Kaiserschnitt üblich ist. Aber immerhin hatten wir es irgendwann geschafft. Ich hatte bei der Hälfte eines Kaiserschnitts ganz alleine assistiert.

Als ich aus dem OP kam, konnte ich mein Glück kauf fassen. Jacky sah mich und grinste mir zu. Zum Glück war es nur ein kleiner Schwächeanfall gewesen und inzwischen ging es ihr wieder gut. Als ich aus dem Fenster auf die Bank mit den wartenden Patienten Blickte, fiel mir zusätzlich ein bekannter Rücken auf: Mein bester Freund Exavery war endlich ins Krankenhaus gekommen! Schon vor Monaten hatte er sich beim Fußballspielen verletzt und klagte seitdem über Schmerzen im Sprunggelenk. Ich hatte ihn beschworen, ins Krankenhaus zu kommen, um ein Röntgenbild machen zu lassen. Aber es war immer wieder etwas dazwischengekommen. Bis heute.

Da ich noch die Handschuhe aus dem OP trug, konnte ich ihn zwar nicht anstupsen, aber nach mehrfachem Rufen drehte er sich doch zu mir um und bekam große Augen, als er mich und den Doktor in OP-Kleidung und mit Blut an den Händen dastehen sah. Ich hatte Mwakasita schon öfters von meinem „Bruder“ (so nenne ich Exavery- er nennt mich Schwester) erzählt. Nun sah er ihn also zum ersten Mal. Er blickte ihn einen Moment lang an, dann schüttelte er den Kopf. „Kumbe, nyie wote hamna akili.“ (=Aha, ihr beide habt also völlig den Verstand verloren). Naja, wenn er meint …

Es folgte die zweite OP, eine TAH. Bei der Patientin war Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert worden und nun musste der gesamte Uterus entfernt werden. Da Saida Hunger hatte, verschwand sie in den Nebenraum, um Tee zu trinken, nachdem sie der Patientin die „Spinal Anaesthesia“ verabreicht hatte, die bewirkt, dass man von der Brust abwärts nichts mehr spürt. Somit hatte ich die Aufgabe, bei der Patientin zu bleiben und sie zum einen zu überwachen, sie zum andern aber auch von Angst oder eventuellen Schmerzen abzulenken.

Wenn ich daran denke, wie schwer ich mir am Anfang mit dieser Aufgabe getan habe, tue ich mir heute fast selber Leid. Ich hatte Angst, dass mich der Patient auf dem OP-Tisch vielleicht nicht verstehen und dadurch zusätzlich verwirrt werden könnte. Mit der Zeit hatte ich gelernt, meine Scheu abzulegen und einfach fröhlich drauf los zu plaudern. So begann ich auch heute damit, die Patientin auszufragen: Wie viele Kinder hast Du? Wie vielen Jungen? Wie alt ist der Älteste? Was macht er? Hat er schon geheiratet? An dieer Stelle unterbrach Mwakasita mich mit einem Schnauben: „Das fragst Du doch nur, weil Du immer noch einen Ehemann suchst! Dein „Bruder“, der da draußen vor dem Fenster sitzt, taugt ja nichts!“ Also führte ich erstmal eine kleine Diskussion mit meinen Kollegen, wer denn nun als Ehemann in letzter Minute vor meinen Weggang aus Matema noch aufhalten könnte. Leider kamen wir (trotz vielversprechender Kandidaten) zu keinem endgültigen Ergebnis und so wandte ich mich schließlich wieder meiner Patientin zu, um das Frage-Antwort-Spiel fortzusetzen.

Zu meinem und ihrem Glück ließ sie sich erstaunlich gut darauf ein und begann sogar, von sich aus zu erzählen. Ihre erste Tochter habe bereits ein Kind, lebe aber noch zu Hause. Zusammen bestritten sie ihren Lebensunterhalt vor allem mit dem Anbau von Mais und Mihogo (eine bestimmte Art Erdwurzel). Es sei ziemlich schwierig, Mihogo anzubauen, aber eigentlich seien sie beide Arbeiten gewohnt.

So plauderten wir noch eine Weile weiter und als Saida aus dem Nebenraum zurückkam war die Operation schon so gut wie beendet. Auch die folgende Prozedur – es handelte sich um die Reparatur einer Hernie (im Deutschen als Eingeweidebruch bezeichnet) – verlief ohne Probleme.

Zwischendurch schaute ich mal kurz im kleinen OP vorbei, wo gerade das Röntgenbild von Exavery angeschaut wurde. Ich als Laiin konnte auf den ertsen Blick kein Problem erkennen und tatsächlich bestätigte Daktari Mwasongela, dass es sich um nichts Ernstes handelte. So konnte Exavery zurück nach Hause und ich beruhigt zurück in den großen OP gehen. Ich hätte meinen Bruder doch nicht schwer verletzt in Tansania lassen können!

Bei der letzten Operation handelte es sich um eine BTL – kurz für „Bilateral Tubal Ligation“. Dabei werden beide Eileiter einer Frau durchtrennt und somit eine Schwangerschaft verhindert. Mir war klar, dass das für lange Zeit mein letztes Mal im großen OP sein würde. Also bat ich darum, noch einmal steril assistieren zu dürfen.

Diesmal bekam ich zum Glück Unterstützung von Nebat. Und Mwaskasita war so richtig zu Scherzen aufgelegt. Ich musste mich richtig konzentrieren, um vor Lachen nicht ins Operationsfeld zu fallen.

Tja, und dann beendeten wir auch diese Operation. Ein letztes Mal half ich den OP zu reinigen, die Patientenakte wieder zurück auf Station zu bringen und die schmutzige OP-Kleidung zu waschen. Als ich von den grünen OP-zu den weißen „Draußen“-Arbeitsklamotten wechselte, hatte ich das Gefühl, dass es nun endgültig vorbei war.

Weit gefehlt! Draußen erwartete uns noch eine Menge Arbeit: erst einmal ging es für mich und Daktari Mwakasita noch einmal in sein Augen-Office. Eine junge Frau hatte ihren Angaben nach schon seit zwei Monaten etwas im Auge und bekam es dort nicht wieder heraus. Leider stellte sie sich als ziemlich furchtsam heraus. Das konnte man ihr eigentlich nicht wirklich verdenken, denn immerhin werden Fremdkörper bei uns gewöhnlich mit Hilfe der langen Seite einer Nadel aus dem Auge geholt. Das ist nicht gefährlich, so lange der Patient still hält – aber diese Patientin bekam beim Anblick der Nadel solche Panik, dass Mwakasita schon kurz davor war, sie nach Hause zu schicken ohne den Fremdköper entfernt zu haben. Er wollte es nicht riskieren, ihr ins Auge zu stechen.

Schließlich konnten wir das Ding (was auch immer es war) dann aber doch mit Hilfe von beruhigenden Worten und Kopffestshalten meinerseits entfernen. Zurück im kleinen OP fand ich gleich die nächste Aufgabe vor: Ein Kind hatte sich schon vor mehreren Tagen mit einer Machete bei der Feldarbeit ins Bein geschnitten. Die Wunde war am selben Tag bereits genäht worden, aber nun hatte sich herausgestellt, dass die Verletzung tiefer ging als ursprünglich angenommen. Einige Sehnen waren durchtrennt worden. So musste die Wunde nun wieder geöffnet und der Schaden repariert werden., bevor sie endgültig wieder geschlossen werden konnte.

So saß ich nun ein letztes Mal im kleinen OP und hielt die IKEA_Lampe, die uns hier as OP-Leichte dient. Als wir unsere Arbeit beendeten, fing es bereits zu dämmern an. Ich hatte meinen letzten Tag auf der Arbeit voll ausgekostet.

(zum Beitragsbild: Leider gibt es nur zwei Stühle im OP. Wir kommen aber klar. Dr. Mwakasita, Hilda und ich vor einem Kaiserschnitt)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s