Die Abschiedsfeier 

Am Montag, den 21.08.2017 habe ich um 4 Uhr morgens den Bus von Matema nach Kyela genommen. Von da aus ging es nach Mbeya zum Flughafen und dann über Dar es Salaam und Istanbul nach Berlin.Die letzten Tage in Matema sind mir auch heute, 3 Wochen nach dem Aufbruch, noch sehr stark in Erinnerung.

 

Eine Woche zuvor, also am Samstag, den 12.08. hatte ich eine Abschiedsfeier ausgerichtet. Schon im Vorfeld hatte ich viel zu organisieren gehabt – etwas, was ich in Matema nicht allzu oft getan habe. Wer kommt? Wo sollen wir feiern? Was gibt es zu essen? Zu trinken? Wer kocht? Woher kommen die Zutaten für’s Essen?

 

Bei all diesen Fragen und Entscheidungen stand mir Venance mit Rat und Tat zur Seite. Er war es, der vorschlug, dass wir doch unsere Kolleginnen aus dem Krankenhaus um Hilfe beim Kochen bitten könnten. Und er war es, mit dem ich am Freitag nach Kyela fuhr, um Besorgungen zu machen.

 

Wie immer, wenn Venance und ich früh aufstehen mussten, weil wir irgendwohin wollten, stand ich also am Freitag zur verabredeten Zeit vor seiner Tür und klopfte ihn aus dem Schlaf. Zum Glück brauchte er nicht lange, um sich „stadtfein“ zu machen. Gefühlt besitzt er sowieso nur zwei T-Shirts und die eine Jeans – fertig.

 

So saßen wir schon bald zusammen mit so ungefähr allen Marktfrauen aus Matema in einem Auto. Während diese allerdings in Ngyekye ausstiegen, um dort auf dem Markt wiederum alles für den Markt in Matema einzukaufen, fuhren Venance und ich noch ein Stückchen weiter bis nach Kyela. Dort gingen wir als erstes seine Familie besuchen. Ich kannte sie schon von einem kurzen Treffen und freute mich nun alle wiederzusehen.

 

Die Familie von Venance ist eine der humorvollsten und entspanntesten, die ich in meinem ganzen Jahr in Tansania kennenlernen durfte. Sie freuten sich ebenfalls mich wiederzusehen. Besonders die Mutter umarmte mich stürmisch und führte mich in die gute Stube, wo wir unser Begrüßungsgeplänkel fortsetzten: Hattet ihr eine gute Reise? Wie läuft es bei der Arbeit? Gut!? Und Zuhause? Friedlich ! Und so weiter. Natürlich kamen wir auch bald auf emien Abreise zu sprechen. Ob es denn nicht möglich sei, dass ich länger bliebe? Die letzte Nacht könnte ich doch hier bei ihnen in Kyela schlafen! Ich schlug das Angebot freundlich aus und versprach stattdessen, nächstes Jahr wiederzukommen. Damit musste sich die Familie erst einmal zufrieden geben und Venances Schwester geleitete uns noch ein Stück zum Markt. Dabei erzählte sie, dass sie auch gerne von Zuhause weg wollte, am liebsten, um eine Ausbildung zu machen. Nur die Eltern wollten es nicht erlauben. Venance ermutigte sie. „Such dir etwas Konkretes, dann können sie gar nicht Nein sagen!“

 

Schließlich verabschiedeten wir uns auch von ihr und erreichten den Markt. Im Vergleich zu dem von Matema ist er riesig! Wir wussten gar nicht, wohiin wir zuerst gehen sollten. Zum Glück kannte Venance sich zumindest ein bisschen aus und fand den Schlachter. Hier besorgten wir erst einmal 6 kg Fleisch. Damit war mein Rucksack an sich schon gut gefüllt. Dabei gab es noch so einiges, was wir besorgen mussten! Für den Pilau (eine Art Gewürzreis mit Gemüse und Fleisch) brauchten wir noch Tomaten, Zwiebeln, Ingwer, Karotten, Knoblauch, Erbsen und grüne Paprika. Hinzu kamen 3 Liter Speiseöl und noch Zutaten für die Kuchen, die ich zum Nachtisch backen wollte. Zum Schluss spendierte ich Venance noch Samen für Blattgemüse, das er in seinem Garten anpflanzen wollte. Zwar war ich leicht verwirrt davon, aber er war ganz begeistert von der Idee, jetzt Bauer zu verden. Na gut, mal sehen, was dabei herauskommt …!

 

So saßen wir also mit einem prall gefüllten Rucksack und noch einigen tüten im Auto zurück nach Matema. Dort angekommen begann ich schon einmal, Kuchen zu backen. Am Abend fiel uns dann plötzlich ein, dass wir ja noch gar keine Holz für die Feierstellen zum Kochen besorgt hatten … und außerdem wussten wir noch gar nicht, wo wir diese überhaupt aufbauen wollten. Zum Glück ließ sich so etwas in Matema noch spontan organisieren: Das Holz kaufte ich dem Kirchenchor ab und die Feuerstellen wurden in der Küche des Hotels nebenan errichtet. So konnte ich am Freitagabend zwar spät, aber doch mit einigermaßen guter Hoffnung ins Bett gehen.

 

Spätestens am nächsten Nachmittag hatten sich diese Hoffnungen vollständig in Anspannung und Stress verwandelt: Natürlich lief nicht alles so wie erwartet (eigentlich eher gar nichts). Zu den besonders fiesen Rückschlägen gehörte das Aufgefressenwerden von Kuchen Nr. 2 (ich habe Upepo, meinen Hund stark in Verdacht!), das Nichtvorhandensein von Schüsseln (die Alternativlösung: Plastikeimer) oder auch, dass wir um 19 Uhr, als die Feier eigentlich beginnen sollte, noch immer nicht fertig mit Kochen waren.

 

Kurzzeitig dachte ich sogar darüber nach, das Ganze einfach abzusagen. So spät würde doch eh keiner mehr kommen!

Und dann traf niko, der Moderator ein. Er trommelte alle zusammen und das Fest begann. Nun war ich nur noch aufgeregt. Alle Gedanken lagen bei der Rede, die ich zur Begrüßung meiner Gäste vorbereitet hatte. … Auf Kiswahili. Zuvor hatte ich schon mehrfach die Erfahrung gemacht, das ich zwar schon Kiswahili sprechen kann, aber eben nicht vor einer Menge Leuten. Oft war ich da schon zuerst ins Stottern und danach in Verlegenheit gekommen. Jetzt kam es drauf an. Nach einer Einleitung von Niko stand ich vor ca. 60 Leuten auf und versuchte, das hier rüberzubringen:

 

„Liebe Leute!

Vielen Dank dafür, dass ihr zu meiner Abschiedsfeier gekommen seid und herzlich Willkommen! Wie ihr wisst, kann ich nicht viele Worte machen, selbst wenn ich wollte – Kisuahili ist schwer! Trotzdem glaube ich, dass ich das, was notwendigerweise gesagt werden muss, auch sagen können werde. Es sind nur zwei Wörter, gerade die, welche ich ganz am Anfang gelernt habe – noch bevor ich überhaupt nach Tansania gekommen bin. Das erste Wort ist „Danke“. Ich denke, wir alle kennen seine Bedeutung: Wenn du jemandem Danke sagst, hast du etwas von ihm bekommen., das er dir nicht geben musste. Es war nur seine(e) Liebe / Belieben.

Ihr alle habt sehr viele große und wichtige Dinge für mich getan, die für Euch nicht notwendig, sondern nur Eure(r) Liebe/Belieben waren. Ich möchte hier drei Beispiel nennen:

1.) Ihr habt mich vom ersten Tag an Willkommen geheißen. Ich erinnere mich noch genau: als ich hier das erste Mal aus dem Auto ausstieg, ist mir das Wort „Karibu“ sehr oft begegnet. Und ich glaube seit diesem Tag hat es keinen gegeben, an dem ich nicht eingeladen wurde, mit Euch zu essen, mich mit Euch zu unterhalten oder zu Euch nach Hause zu kommen. Auch als ich noch kaum Kiswahili sprechen konnte, habt ihr mich sehr freundlich emmpfangen, obwohl ich euch nicht verstanden habe. Nachdem ich hier angekommen war, sind, glaube ich, noch nicht einmal drei Tage verstrichen, bis ich bei jemandem zu Hause saß und Limonade getrunken habe. Und so habt ihr bis zum heutigen Tag weitergemacht. Danke dafür.

2.) Ich habe mich das Leben nach tansanischer Art gelehrt. Angefangen mit Euren Sprachen, über die Zubereitung von Ugali, Wäsche von der Hand waschen, die Choreographien im Chor mittanzen, Sachen auf dem Kopf zu tragen, Kakao zu ernten bishin zum Hühnerschlachten.

Wenn ich jetzt nach Deutschland zurück gehe, werde ich mich oft selbst fragen: „Brauche ich dieses bestimmte Gerät jetzt wirklich? Ich hab in Matema doch auch sehr gut gelebt, ohne es zu benutzen!“ Ich freue mich schon darauf, andere Deutsche zu verwirren: ich werde Kleinkinder weiterhin mit einem Tuch auf meinen Rücken binden, um sie zu tragen und meine Kleider aus Kitenge werde ich in der warmen Zeit in Deutschland tragen und sie dann von Hand waschen. Wenn die anderen mich dann fragen: „Wo hast Du denn solche Sachen gelernt?“, dann werde ich ihnen antworten: „Die Menschen aus Matema haben es mir beigebracht.“

3.) Ihr habt es geschafft, mir zuzuhören und auch, mir zu berichten. Ich glaube, dass das genau der Grund ist, warum man Volontäre nach Matema schickt: Das, was ich im Krankenhaus tue, könnte jeder von Euch viel besser machen, weil ihr ausgebildete Krankenpfleger seid. Der Grund, der mich hierher gebracht hat, ist, zu lernen, dass nicht nur mein Leben oder meine Probleme wichtig sind. Es gibt ein Sprichwort in Deutschland. Es lautet: „Schau über deinen Tellerrand hinaus!“ Wir meinen das so: Wenn du nur auf deinen eigenen Teller schaust, wirst du vielleicht viele Gerichte finden. Dann sagst du „Klasse, heute werde ich satt!“ Wenn du aber den Teller deines Nächsten betrachtest, wirst du vielleicht sehen, dass er nichts hat und Hunger leidet. Oder du findest Dinge, die dir völlig unbekannt sind. Da sollst du deinen Nächsten jetzt fragen: „Was isst du denn da?“ Der wird dann sagen: „Das ist Ugali“, oder „Das ist Pizza, komm und probiere!“

Und das solltest du nicht nur in puncto Essen tun. Über seinen Tellerrand hinauszuschauen bedeutet, dass du nicht nur deinen eigenen Erfolg oder deine eigenen Probleme anschauen solltest. Schau auch mal woanders hin!

Ich denke, ich habe dieses Jahr versucht, Eure Teller und Eurer Leben anzuschauen. Und vielleicht habt auch ihr ein bisschen von mir erblicken können. Wenn nicht, werdet ihr heute damit beginnen: die Pizza steht da drüben.

Das sind ein paar Gründe, durch die ich Euch zu großem Dank verpflichtet bin. Danke.

 

Jetzt noch das zweite Wort: Es heißt „Bitte“. Auch hier ist uns allen die Bedeutung sehr wohl bewusst. Wenn Du „bitte“ sagst, brauchst du etwas Bestimmtes von dienen Nächsten, aber es ist nicht seine Pflicht, es dir zu geben. Es ist nur sein(e) Liebe /Belieben, wenn er es dir trotzdem gibt.

Ich bitte darum, dass ihr mich nicht vergesst. Aber ich werde mir große Mühe geben, mich an Euch zu erinnern. Irgendwann werde ich hierher zurückkehren, vielleicht nächstes Jahr, vielleicht aber auch erst, wenn ich mit dem Studium fertig bin. Ich bin mir aber ganz sicher, dass ich zurückkehren werde, um Euch zumindest noch einmal zu grüßen.

Und wenn ich komme, werde ich mich sehr freuen, Euch hier oder auch woanders zu treffen und mich gemeinsam mit Euch daran zu erinnern, wie gut wir dieses Jahr zusammengelebt haben.

Ja, und das waren meine zwei Worte. Vielen Dank.“

 

Ich weiß nicht, wie viel welche Gäste überhaupt verstanden haben. Aber ich habe mich trotzdem gut gefühlt, als ich meine Rede beendet hatte. Am nächsten Tag sollte Exavery mir sagen, dass er sie richtig gut fand und er alles verstanden hätte. Damit hat er mich sehr aufgebaut.
Wenn Ihr sie lest, möchte ich Euch bitten, zu bedenken, dass ich in manchen Dingen auch verallgemeinert und zusammengefasst habe. Das war möglich, weil die Menschen in Matema Bezug zu dem hatte, was ich sagte und es somit richtig einordnen konnten.
Es folgten noch weiter Reden von Dr. Mahundi, Franziska als Leiterin des Kirchenchores und schließlich von Saida, meiner Chefin im OP. Gerade ihre Rede, aber auch die beiden anderen, berührten mich sehr.

Und dann ging es ans Essen. Davon hatten wir zum Glück mehr als genug. Alle bekamen Pilau, Erbsen, Fleisch und zusätzlich noch Kochbananen, Pizza und Kuchen (die Limonade nicht zu vergessen). Als wir satt waren, ging es ans Tanzen. Ich hatte die Wahl, mit wem ich den Tanz eröffnen wollte. Die viel mir nicht schwer: Ich wählte natürlich Francis. Dazu gibt es eine längere Geschichte – aber nur ganz kurz: Er galt schon seit längerem als mein Ehemann (Natürlich wussten alle, dass das nicht stimmte, aber es war trotzdem lustig.) Auch, wenn die Qualität des Beitragsbildes höllisch schlecht ist, könntet Ihr ihn darauf rein theoretisch erkennen. Wir tanzten also und bald gesellten sich auch noch ein paar andere zu uns. Auch, wenn die Feier nicht allzu lange ging, hatte ich wirklich meinen Spaß und außerdem das Gefühl, dass auch die anderen sich ein bisschen amüsiert haben.

Als schließlich alle gegangen waren und ich zu meinem Haus zurückkehrte, war ich zu müde, um noch über das dort entstandene Chaos zu erschrecken. So saß ich noch ein paar Minuten mit Francis und Venance auf den Sessellehnen (auf den Kissen lagen leider andere Sachen), trank noch eine Cola mit ihnen und brachte sie anschließend nach Hause.

 

Das Aufräumen am nächsten Tag war die Hölle. Zum einen, weil wirklich höllisch viel getan werden musste. Zum anderen aber auch, weil ich sehr traurig war. Mir blieb zu diesem Zeitpunkt nur noch eine Woche in Matema.

Osea und ich – an dem Abend war ich zumindest echt glücklich, wie man sieht

 

 

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. LadyAngeli sagt:

    Jedesmal wenn ich Deinen Blog lese, bin ich gefesselt und fasziniert. Dein Mut soweit zu reisen, um dann in einer völlig anderen Kultur zu leben, toll. Und das bringst Du mir in Deinem Blog hierhin, so dass ich Dich in Deinem Alltag dort ein wenig beobachten kann. Danke dafür!

    Gefällt mir

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