Kwa heri?

Obwohl ich diese zwei Worte schon in meiner ersten Kiswahili-Stunde gelernt habe, habe ich sie in diesem Jahr nur recht selten zu hören bekommen und noch weniger verwendet. Laut meinem Vokabelheft bedeuten sie „Auf Wiedersehen“. Eigentlich ist das ja ein Ausdruck, den man im Deutschen relativ häufig benutzt.  In meinen ersten Tagen in Matema habe ich ihn dementsprechend auch immer brav verwendet, wenn ich mich von irgendjemandem verabschieden wollte. Als ich darauf meist nur verwirrte Blicke erntete, musste ich doch nochmal mein Lexikon zu Rate ziehen.

Dort erfuhr ich dann, dass „Kwa heri“ wörtlich übersetzt „mit Glück“ bedeutet. Man sagt es nicht zu Personen, die man mit Sicherheit in den nächsten Tagen noch einmal wiedersehen wird. Es wird nur gebraucht, wenn man sich gar nicht sicher ist, ob man sich überhaupt nochmal begegnen wird, zumindest in der nächsten Zeit.

Also wünscht man sich Glück für die Zeit, in der man getrennte Wege geht und gleichzeitig auch dafür, dass man sich irgendwann mal wiedersieht.

So war für mich nach meinem letzten Arbeitstag die Zeit des „Baadae“ (Bis später) oder „Kesho“ (Bis morgen) vorbei und die des „Kwa heri“ angebrochen: Am Freitagabend hatten Venace und ich ein großes Essen geplant. Zum einen wegen meines Abschiedes, zum anderen aber auch, um seinen Geburtstag vorzufeiern. Den würde ich nämlich leider nicht mehr miterleben… Tja, also mussten wir uns da was einfallen lassen!

Wir hatten am Morgen extra ein Huhn vom Markt in Ngyekye in Auftrag gegeben und ich hatte noch in der Nacht zuvor einen Kuchen unter Matema-Bedingungen gebacken (also auf Kohle statt im Backofen – kann ich inzwischen erstaunlich gut!)

Als ich gegen 19.00 Uhr (siehe den „letzten Arbeitstag“) aus dem Krankenhaus kam, rief als erstes Venance an. „Komm schnell, ich bin hier Titel im Stress!“ Na, das klang ja schonmal wieder ganz nach Matema! Keine fünf Minuten später war ich bei ihm zuhause und half beim Kochen. Man konnte wirklich nicht meckern, was unser Festmahl anging: Zum Huhn gab es Pilau (Gewürzreis, der traditionell bei Festen zubereitet wird) und Erbsen – außerdem hatte ich noch Limonade zum anstoßen und Mückenspray zum einsprühen mitgebracht. So konnten wir auf der Türschwelle sitzen, ohne von den Viechern aufgefressen zu werden.

Bald waren wir mit dem Kochen fertig und machten und an den Festschmaus. Leider konnten wir ihn aber wohl beide nicht so recht genießen: Ich hatte schon nach ein paar Bissen das totale Sättigungsgefühl (warum auch immer) und Venance empfand dem Huhn gegenüber ein schlechtes gewissen, weil er es selber geschlachtet hatte. So saßen wir bald da, die halbhohen Teller auf dem Schoß und begannen und mal wieder zu unterhalten. Wie lange meine Reise zurück nach Deutschland dauern würde, dass für ihn am Montag die Ferien zu Ende wären und er dann wieder zur Arbeit müsse, was er dann wohl kochen würde, wenn er nicht jeden Tag einen Gast (also mich) im Haus hätte.

„Dann gibt’s wohl nicht mehr jeden Tag Fleisch“, meinte ich. „Passt doch eh ganz gut – dann kannst du ein bisschen abnehmen. Das wolltest du doch eh schon die ganze Zeit!“

„Hm“, meinte er. „Zumindest ein Gutes hat das also.“

Ich erzählte ihm auch davon, dass ich grade eine Wohnung in Düsseldorf suchen würde, wo ich zum studieren hinginge. Als ich den durchschnittlichen Preis für so ein WG_Zimmer erwähnte, riss er die Augen auf.

„So viel Geld?“

„Tja, was soll ich machen? In Deutschland ist eben alles viel teurer als hier.“

„Wie lange musst du denn studieren?“

„Fünf Jahre lang und dann noch ein Jahr lang Praktikum.“

„So lange! Da wirst du ja am Ende alles Kiswahili vergessen haben!“

„Naja, das hängt ganz von euch ab. Wenn wir viel chatten und telefonieren, werde ich es nicht völlig vergessen können.“

„Hmmm“

„Und ich komme ja auch schon früher mal wieder her, um euch zu besuchen.“

„Ja, das mach mal auf jeden Fall!“

„Das mache ich, keine Sorge. Wenn alles gut geht, dann komme ich schon im nächsten Sommer für ein paar Wochen wieder.“

„Da werden wir uns sehr freuen.“

„Vielleicht hast du bis dahin schon deine Verlobte geheiratet!“

„Ja vielleicht. Das Problem ist nur das Geld für den Brautpreis. Keine Ahnung, woher ich das nun wieder nehmen soll.“

„Du schaffst das schon.“

So redeten wir noch eine ganze Weile weiter. Natürlich war ich ein bisschen schwermütig, aber vor allem begriff ich wieder einmal, was ich alles in diesem Jahr erlebt und erreicht hatte. So selbstverständlich auf der Türschwelle eines Freundes zu sitzen, der extra ein Festessen für uns zubereitet hatte und sich ganz ungezwungen auf einer fremden Sprache zu unterhalten – vor einem Jahr hätte ich mir so etwas nie träumen lassen. Wer hätte denn auch ahnen können, dass sich Matema als eine der glücklichsten Entscheidungen meines Lebens herausstellen sollte? Wer hätte wissen können, wie unglaublich offen die Menschen hier sind? Am Ende dieses Jahres habe ich mich nahezu komplett integriert gefühlt. Und das lag eben daran, mit welcher Selbstverständlichkeit ich überall beteiligt wurde.

In Deutschland hat es das Wort „Willkommenskultur“ in den letzten Jahren zu einiger Berühmtheit gebracht. Natürlich verstehe ich, dass sich der Kontext, wenn ich als einzelne Freiwillige, deren Existenzgrundlage zudem mehr als nur gesichert ist, nach Matema komme, zu dem unterscheidet, mit dem wir es in Deutschland und Europa zu tun haben. Und trotzdem: Ich glaube, wenn mehr Menschen aus Europa ähnliche Erfahrungen wie ich im Auslandsjahr machen würden, wäre das Wort zusammen mit der Haltung, die hinter ihm steht, wohl auch hier wohl weniger Diskussionsgegenstand als vielmehr Selbstverständlichkeit.

Am nächsten Tag passierte dann noch etwas Lustiges: Ich lief grade mit Venance zum Markt, als wir von Franziska, einer gemeinsamen Freundin (sie ist hier auch schon mehrmals im Blog aufgetreten; z.B. Als Chefin des Kirchenchores) gerufen wurden. Wir betraten ihr Haus und setzten uns auf ihr Sofa. Und dann legte sie los: „Bruder Venance“, fing sie an, „Ich habe hier ein paar T-Shirts zum Sonderpreis für dich. So geht das nämlich einfach nicht mehr weiter. Du trägst immer die gleichen drei T-Shirts! Wir können die einfach nicht mehr sehen! Die Leute im Dorf reden schon über dich.“

Venance saß da wie ein begossener Pudel. Ich versuchte krampfhaft, mein Lachen zu unterdrücken, scheiterte aber kläglich. Wie oft hatte ich Venance genau das schon vorgehalten! Es stimmte wirklich: Man sah ihn tagtäglich mit dem immergleichen Shirt durchs Dorf stiefeln. Jetzt bekam er also die Rechnung dafür. Das ich das noch erleben durfte!

„Da brauchst du gar nicht so zu lachen!“, wandte sich Franziska jetzt aber auch an mich: „Immerhin lässt du ihn ja so herumlaufen!“ Das war nun wirklich zu viel. Ich prustete los. „Ich hab ihm das alles schon vor Wochen ganz genau so gesagt Franziska! Aber was soll ich machen? Er hört ja nicht auf mich!

Der Betroffene versuchte noch, sich irgendwie aus der Schlinge zu winden: „Hör mal Franziska, so bin ich eben! Was anderes kann ich nicht tragen. Wenn ich versuche, morgens im guten Hemd aus dem Haus zu gehen, muss ich doch nachher wieder zurück, um auf T-Shirt zu wechseln. So bin ich das nun mal gewöhnt und ich kann`s nicht ändern!

Franziska ließ da aber nicht mit sich reden. „Papperlapapp! Das wird jetzt geändert!“ Und noch einmal mit einem Blick zu mir: „So kannst du ihn doch wirklich noch das ganze nächste Jahr herumlaufen lassen!“

Und so kam es, dass wir mit einer Plastiktüte voller T-Shirts aus dem Haus kamen. Kaum waren wir draußen, grummelte Venance auch schon: „Na wart´s ab! Die werde ich höchstens benutzen, um bei mir zuhause den Boden zu wischen!“ – Na ganz toll. Da hat sich die Investition ja wirklich gelohnt.

Beim Abschied noch ein letztes Selfi – Franziska und ich, die Modeköniginnen!

Am Abend traf ich mich dann mit Exavery. Wir schlenderten durch den Kakaowald und landeten aud der Hauptstraße, die von Matema weg und nach Kyela führt. Wir gingen lange Zeit. Und wir redeten. Ich weiß gar nicht mehr so genau, worüber, aber auch hier habe ich nochmal diese unglaubliche Dankbarkeit verspürt. Dafür, dass ich in diesem Jahr solche Freundschaften schließen konnte. Wir versprachen und mehrmals, dass wir einander nicht vergessen würden, wenn ich dann in Deutschland wäre.

Er und seine Frau erwarten ein Kind. Als er mir an diesem Abend sagte, dass es Carla heißen wird, wenn es ein Mädchen ist, wusste ich natürlich zuerst gar nicht, was ich sagen sollte. „Dafür werde ich sehr dankbar und glücklich sein.“, erklärte ich ihm schließlich. „Aber bist du dir auch sicher, dass die Leute den Namen aussprechen können?“ So oder so. Es wäre ein schönes Gefühl, zu wissen, dass es noch eine Carla in Matema gibt. „Auf jeden Fall werde ich kommen, um sie oder ich zu sehen.“, versprach ich Exavery.

Wir gingen auf der Straße weiter bis zu dem Haus, in dem Febi wohnt. Sie ist auch eine Freundin von Exavery. Vor mir hat sie aber eher Angst. Als er mich das erste Mal zu ihr mitbrachte, wäre sie vor Schreck wohl am liebsten umgefallen. Warum, weiß ich nicht so genau. Sie sagt, dass Weiße ihr eben unheimlich sind. Exavery und ich hatten in den darauffolgenden Wochen versucht, sie ein bisschen an bleiche Haut zu gewöhnen. So musste sie bei diesem letzten Mal nur noch ein bisschen schlucken, bevor sie uns willkommen hieß. Exavery machte sich darüber natürlich gleich mal wieder lustig. „Keine Sorge, wir bleiben nicht lange.“, beruhigte ich sie. „Und übermorgen seid ihr mich dann ja auch erstmal los.“ Das fand sie dann doch ein bisschen schade: „Kannst du denn nicht noch länger bleiben?“, fragte sie mich. „Nee, ich muss jetzt erstmal zur Schule.“ – das übliche Gespräch folgte. Für wie lange ich studieren würde? Wo? Wann ich wieder nach Matema käme und so weiter.

Zum Abschied machten wir dann noch ein paar Fotos und anschließend ging es zurück nach Hause.

Das war die letzte Nacht, die ich in Matema mit Schlafen verbrachte.

Den nächsten und letzten Tag verbrachte ich damit, mir geschlagene sechs Stunden lang die Haare flechten zu lassen. Im Nachhinein frage ich mich, ob ich damit nicht wertvolle Zeit verschwendet habe, aber ich wollte unbedingt noch ein bisschen mehr von Matema mit nach Berlin hinüberretten. Da ich ja schon in einem anderen Artikel darüber geschrieben habe, überspringen wir den Teil einfach mal und kommen zum letzten Abend.

Der bestand daraus, von Haus zu Haus zu gehen und mich nochmal bei dem einen oder andern zu verabschieden. Besonders lange saß ich bei Faraja, einer Kollegin aus dem OP und ihrer Familie. Sie hatte erst vor einem Monat ihr erstes Kind bekommen und war somit ganz beschäftigt mit dem Kleinen. So saßen wir zusammen mit Kind und Ehemann um den Tisch und (welch Überraschung) unterhielten uns. Natürlich versuchten sie auch, mich zum Abendessen bei ihnen zu überreden, aber ich lehnte dankend ab. Diesen Abend musste ich natürlich ein letztes Mal auf der Türschwelle essen, wo ich nun schon so auf gesessen hatte!

So verabschiedete mich und ging hinüber zu Venance. Diesmal hatten wir kein Fleisch eingekauft. Stattdessen gab es Eier zum Reis. „Fleisch essen wir morgen wieder.“, sagte Venance. Ich sah ihin verständnislos an. „Morgen?“ – „Oh, fast vergessen. Du gehst also wirklich.“

Gegen 10 Uhr rief mich Dr. Mwakasita an. „Wo bist du? Ich stehe vor deinem Haus und wollte noch „Kwa heri“ sagen!“ Wir trafen uns am Strand. So abkam ich die Gelegenheit, ein letztes Mal die Schönheit des Sees bei Nacht zu bewundern, aber auch, mich bei dem Doktor zu bedanken.

Ich habe wirklich grade unter seiner Aufsicht wahnsinnig tolle Sachen gemacht und gelernt. Es ist absolut nicht selbstverständlich, wie viel Vertrauen einem 19jährigen, völlig unausgebildetem Mädchen in einem Krankenhaus entgegengebracht wird.

Auch mit ihm unterhielt ich mich ziemlich lange. Über mein kommendes Studium, über die Motivation, Doktor zu sein und auch über ganz andere Sachen. Als er mich anschließend nach Hause brachte, passierte noch einmal etwas lustiges: Er bat mich darum, mal schnell meine Toilette benutzen zu dürfen. Kein Problem! Dachte ich zumindest. Erst, als das ganze viel länger dauerte, als anzunehmen war, wurde mir klar, dass die Sitztoilette, die ich immer als absoluten Luxus in meinem Haus angesehen hatte, ihm wohl einige Schwierigkeiten bereitete. Als er nach bestimmt zehn Minuten wieder aus dem Bad kam, warf er dann auch einen leicht verstörten Blick hinter sich. Ich sagte lieber nichts. Stattdessen entließ ich ihn in die Nacht und kehrte dann zurück zu Venance.

Der hatte dann noch eine Bitte an mich: Ob ich ihm nicht meine Regenjacke überlassen könnte? Schon früher hatte er sich die immer mal wieder ausgeliehen und war regelrecht begeistert davon gewesen. Aber jetzt hier lassen? In Deutschland würde mich schließlich viel mehr Regen erwarten als ihn hier! „Unter einer Bedingung:“, beschied ich ihm. „Wir machen einen Austausch. Meine Jacke gegen dein T-Shirt.“

Damit hatte er nun nicht gerechnet. Ich aber fühlte mich äußerst gerissen: Da sollte Franziska nochmal sagen, dass ich ihn immer in den gleichen T-Shirts rumlaufen ließe! Eines davon würde ich jetzt aus diesem Land verbannen! Venance zögerte einen Moment. Der Abschied von dem älteren Stofffetzen viel ihm sichtlich schwer, aber letztendlich ließ er sich doch von der Regenjacke überzeugen.

Das ist das Shirt. Ich trage es wirklich!
Und so kam ich an meinem letzten Abend in Matema noch an ein wunderschönes graues T-Shirt mit rotem Streifen, das den einzigen Nachteil hat, dass es mir so ungefähr bis über die Knie reicht. Egal! Natürlich werde ich es trotzdem tragen, schon um ihm ein zweites leben in Deutschland zu ermöglichen. Man muss sich das mal vorstellen: Das arme Ding hatte bisher noch nicht ein einziges mal eine Waschmaschine von innen gesehen!

In dieser Nacht tat ich kein Auge zu – Venance wohl genauso wenig. Wir redeten noch bis 2 Uhr morgens, dann ging ich für eine Stunde nach Hause, um die letzten Vorbereitungen für die Reise zu treffen und die Überlebenstipps für die nächsten Freiwilligen in Matema zu vervollständigen. Bei dem Versuch füllte ich wohl in etwa ein halbes Heft und ich hätte sicher noch viel mehr schreiben können, wenn die Zeit nicht knapp geworden wäre. Um 3 Uhr beendete ich also auch diese Übung und genau da klopften Venance und Exavery gemeinsam an meine Tür. Ja – der letztere war nämlich gekommen, um mich bis zum Flughafen zu begleiten. Das hatten wir schon vor Monaten vereinbart und dieses Versprechen wurde nun eingelöst.

So saßen die beiden noch zum letzten Mal auf meinem Sofa, während ich den Rucksack zumachte. Venance ließ es sich nicht nehmen, sich mein großes blaues Ungetüm von einem Rucksack auf den Rücken zu hieven. Er wollte grade damit zur Haustür hinaus, da passierte es: Der Rucksack verfing sich an der Wäscheleine, die ich quer durchs Zimmer gespannt und an der einen Seite am Regal befestigt hatte. Das neigte sich daraufhin bedrohlich und kippte schließlich zur Seite – direkt auf Venance.

Für eine Sekunde standen Exavery und ich wie erstarrt da und konnten nicht fassen, was da grade passiert war. Dann zischte Venance unter der Last des Regals: „Niokoe!“ (=rettet mich!). Schnell hoben wir das Regal von ihm und ließen damit auch die letzten Bücher, die sich noch auf den Brettern hatten halten können, zu Boden fallen. Venance war Gott sei Dank mit dem Schrecken davongekommen, aber all mein mühsam geordneteres Zeug aus dem Regal lag jetzt auf dem Boden – unter anderem auch meine Reiszweckensammlung. Venance sah das ganze von der praktischen Seite: „Wenn einer von uns sich jetzt ganz doll sticht, kann Carla nicht gehen.“

An dieser Stelle wäre wohl mal eine Entschuldigung an die beiden Jungs angebracht, die inzwischen seit ein paar Tagen im Haus Berlin wohnen: Ich hatte das Regal wirklich sehr schön geordnet, ehrlich! Aber da um kurz nach drei in der Nacht… Sagen wir einfach mal, dass die Bücher wohl schon mal besser sortiert waren. Tut mir Leid!

Da sich (leider?) keiner von uns an den Reiszwecken gestochen hatte, schloss ich ein paar Minuten später zum letzten Mal die Tür des Haus Berlin ab und brachte den Schlüssel, den ich ein Jahr lang selbst zum Baden nicht vom Hals genommen hatte, zum Haus des Nachtwächters im Hotel. Venance war schon vorausgegangen und so sah ich meinen blauen Rucksack vor mir durch die Dunkelheit wanken. Vorbei an dem Haus des Pfarrers, dann links die kleinen Hütten, in denen viele meiner Kollegen im Krankenhaus leben, dann rechts das Krankenhaus selber, schließlich quer durch den Markt. Der Bus stand an der gewohnten Stelle, allerdings nur der kleine. Den großen, der uns gleich bis Mbeya gebracht hätte, hatten wir durch das Regaltheater knapp verpasst, wie sich herausstellte. Naja, machte nichts. Auch so würde ich noch rechtzeitig zum Flughafen kommen. Erstmal hatten wir noch ein bisschen Zeit, bevor der Bus losfahren sollte. Wir standen auf der Straße und die Männer unterhielten sich über Fußball, während ich überlegte, dass ich nun in weniger als 36 Stunden wieder in Berlin sein würde. Noch konnte ich es nicht glauben.

Ich habe leider echt kein schöneres Foto von ihm und mir. Aber man erkennt uns ja 🙂
Schließlich nahm mich Venance an die Hand. „Komm, bring mich noch schnell nach Hause. Morgen muss ich immerhin früh raus und zur Arbeit.“ Wir schlenderten also den gleichen Weg nochmal zurück. Jetzt gab es wirklich kein Verdrängen mehr: Ich musste mich von ihm verabschieden. Also gut. Ich bedankte mich auch bei ihm. Zusammen mit Exavery war es mein bester Freund in Matema gewesen und grade die letzten Monate hätten ohne ihn nur halb so viel Spaß gemacht. Er hat mich mit zu den Auswärtsspielen des Krankenhausteams und auf eine Hochzeit genommen und wir hatten uns über Dinge unterhalten, die ich mit anderen Leuten in Matema und auch sonst wo nicht besprechen konnte. Und ich glaube, auch ihm hat es Spaß gemacht, mit mir zu Kochen und mich zu veralbern. „Asante Venance. Kwa heri. Und vergiss mich nicht.“ – „Das kann ich gar nicht.“ Und dann ging ich und war ziemlich überrascht und ein bisschen stolz, dass mir nicht die Tränen gekommen waren.

Wieder im Bus angekommen fuhren wir bald los. Exavery und ich saßen zusammen auf dem Beifahrersitz und ich sah ein letztes Mal das Fußballfeld an mir vorbeiziehen, die Einfahrt zur Bibelschule von Matema und das Haus von Febi. Als das kam, war es klar. Wir hatten Matema verlassen. Kwa heri.

Ein paar Stunden später saßen wir völlig erschöpft am Flughafen. Die fahrt hatte sich – nicht gerade überraschenderweise – als rumpliges Erlebnis mit vielen Umstiegen, Menschen und viel zu viel Hitze entpuppt. Nun waren wir angekommen. Ich war traurig, aber erst, als mein Flug aufgerufen wurde, kamen mir die Tränen. Exavery schaute mich mitleidig an. Ich glaube, dass es auch ihm nicht leicht fiel, als ich aufstand, meine Sachen nahm und mich in die Schlange der anderen Reisenden stellte.

Wir beide am Flughafen
Exavery und ich haben uns schon in meinem zweiten Monat in Matema kennengelernt, wenn nicht sogar im ersten. So im Nachhinein kann ich gar nicht mehr genau sagen, wie es dazu kam, aber spätestens um Weihnachten herum sind wir richtig gute Freunde geworden. Er hat auf jeden Fall den ersten Schritt gemacht, als er mich einfach zu sich nach Hause eingeladen hat. Inzwischen würde ich den Weg dorthin wahrscheinlich auch mit geschlossenen Augen finden, auch wenn er durch die Kakaofelder führt und bestimmt zwanzig Minuten dauert. Er hat mir das nochmal eine ganz andere Welt weg vom Krankenhaus eröffnet, indem er mich in sein Fußballteam eingegliedert hat. Ich meine, man muss sich das mal vorstellen: ein Mädchen zwischen zwanzig Jungs, das im Vergleich zu denen quasi nichts kann – und trotzdem hat es funktioniert. Wir haben seine Familie in Kyela besucht und ich habe zusammen mit seiner Frau gekocht, gewaschen und viel gequatscht. Sie haben mir zusammen sogar ein bisschen Kinyakyusa beigebracht. Jetzt wollen sie vielleicht ihr Kind nach mir benennen. Wenn das mal keine Freundschaft ist, dann weiß ich aber auch nicht!

Er ist nicht besonders groß im Reden. Ein letztes Mal umarmten wir uns. Kwa heri. Dann trat er von der Schlange zurück und tippte auf seinem Handy herum. Meins vibrierte. „Mungu akubariki dada“, hatte er geschrieben. Gott möge dich segnen, Schwester. Wir schrieben uns noch, als ich schon durch die Sicherheitskontrolle war und er im Bus zurück nach Hause saß. Die Menschen in der Wartehalle müssen sich wohl ihren Teil gedacht haben, wenn sie das Mädchen mit dem verheulten Gesicht entdeckten, das sich hinter seinem großen blauen Rucksack in der Ecke versteckte.

Als ich zwei Stunden später in Dar es Salaam landete, ging es mir schon besser. Ich schlug die Zeit am Flughafen mehr schlecht als recht tot, bis Nele, meine Mitfreiwillige um kurz vor eins ankam und wir gegen 3 Uhr endlich im Flieher saßen.

Als wir am nächsten Nachmittag in Berlin am Flughafen ankamen, erwartete uns neben unseren Familien auch Melissa, die dritte im Bunde der Tansania-Freiwilligen. Sie war zwar schon ein paar Wochen früher nach Hause geflogen, aber nun standen wir doch wieder alle zusammen am Tegel, wo wir vor einem Jahr zusammen gestartet waren.

Wir drei nach der Ankunft auf dem Flughafen… man sieht mir fast gar nicht an, dass ich müde bin, oder?

Besonders freute ich mich auch über das Käsebrot, dass Harriet mir doch tatsächlich wie im Scherz bestellt zum Flughafen mitgebracht hatte. Ach ja, und dass die Menschen, die mich vor einem Jahr zum Flughafen gebracht hatten, mich nun auch alle wieder abholten und dafür teilweise lange Reisen auf sich genommen hatten, war ich ganz nett. Nee, jetzt im Ernst: Vielen lieben Dank dafür, Leute! Asante sana!

Tja, und jetzt bin ich wieder zurück. Während ich das hier schreibe, kann ich eigentlich gar nicht fassen, dass nun schon mehr als ein Monat vergangen ist, seitdem ich das alles erlebt habe. Das „Kwa heri“ aber habe ich mir zu Herzen genommen:

„Mit Glück“ gehe ich die Dinge an, die mich hier in Deutschland erwarten. Studium. Stipendium. Neue Stadt, neue Leute. Es bringt nichts, einem der schönsten Jahre meines Lebens hinterherzutauern. „Mit Glück“ und Mut dazu werden weitere schöne folgen.

„Mit Glück“ werde ich die Verbindung, dir in mir zu Tansania, Matema und vor allem zu seinem Menschen gewachsen ist, halten können. Bis jetzt telefoniere oder schreibe ich beinahe täglich mit Exavery. Auch die anderen lassen hin und wieder mal was von sich hören.

„Mit Glück“ wird es auch ein Wiedersehen geben. Möglichst im nächsten Sommer. Wenn es das Studium zulässt. Ich habe es immerhin schon mehreren Leuten versprochen, damit sie mich immer wieder daran erinnern.

Ich glaube, ich hatte sehr viel Glück in diesem Jahr. Es war ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe und hundert mal besser. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich gern noch länger geblieben. Das Jahr hat mich sicherlich auch verändert. So manches sehe ich jetzt anders als zuvor.

Jetzt kommt es darauf an, wie viel davon ich mit in mein „neues altes“ Leben hier in Deutschland nehmen kann und will.

„Mit Glück“ finde ich vielleicht die goldene Mitte. Mit Sicherheit aber kann ich all das nicht einfach wieder vergessen. Und ganz sicher können sich auch meine Freunde aus Matema sein, dass ich sie nicht einfach vergessen werde.

So gesehen war es vielleicht sehr nett, aber gar nicht so nötig, sich mit „Kwa heri“ zu verabschieden. Glück kann man ja immer gebrauchen. Aber mit der Ungewissheit, ob man sich jemals wiedersieht, hat das in meinem Fall nicht viel zu tun. Natürlich weiß ich jetzt noch nicht, wann genau. Aber zurückkommen tue ich auf jeden Fall nochmal!

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. LadyAngeli sagt:

    Willkommen zurück und viel Erfolg beim Studium. Warum denn Düsseldorf und nicht Berlin?

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    1. carliola sagt:

      Vielen Dank! Ich bin eben in Düsseldorf für Medizin angenommen worden – also bin ich jetzt hierher gezogen 🙂

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      1. LadyAngeli sagt:

        Also willst Du Deinen Doktor machen und dann zurück nach Tansania?

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      2. carliola sagt:

        Wenn alles gut geht ja

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