Hallo Studium!

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Am Freitag in der Deutschen Oper in Berlin. Der Barbier von Sevilla. Mit Maren. Selten so bei einer Oper gelacht. Samstag dann der Infotag im BMW. Tansania und Matema den Interessenten und Interessentinnen für eine Freiwilligenjahr nach dem Abi vorstellen. Leute begegnen, die sich vielleicht nächsten Sommer auf die Reise in „mein Dorf“ machen werden. Danach Pizza essen mit der Familie. Sonntagmorgen dann noch einmal ein kleiner „Auftritt“ in der Gemeinde: Ich bin wieder da! Und ich darf für Spenden für „mein Krankenhaus“ in Matema werben. Es ist großartig. Viele Menschen sprechen mich nach dem Gottesdienst an. Manche haben sogar Interesse an dem Spendenprojekt, das ich auf die Beine zu stellen versuche. Dann zurück nach Hause kommen. Zimmer aufräumen. Rucksack packen. Ab in den Zug. In Bochum erfahren, dass dieser nicht wie ursprünglich geplant weiter bis nach Düsseldorf führt, sondern dass wir hier jetzt rausgeschmissen werden. Eigentlich nervig, aber immerhin lerne ich auf der anschließenden Reise im rumpligen Durchgang zwischen zwei Wagen im IC ein paar nette Leute kennen: Einen BWL-Studenten aus Duisburg, eine Zahnmedizinerin aus Düsseldorf und dann auch noch einen Vertreter aus den USA, der gerade auf Geschäftsreise in Deutschland ist. Wir erzählen viel und lachen so laut, dass uns ein paar andere Passagiere verstört angucken. Da soll doch noch einer sagen, in Deutschland könne man nicht auch auf Leute zugehen, ohne dass sie das komisch finden! Man muss nur ein wenig Glück haben.

In meiner WG angekommen erstmal das Ungetüm von Rucksack auspacken. So langsam habe ich fast alle meine Kleider von Tansania über Berlin nach Düsseldorf transportiert – immerhin.

Und dann noch mal schnell im Studienportal nachgucken und die Krise kriegen: Wie kann man denn nur so blöd sein, Carla?! Diese Frage geht mir immer wieder durch den Kopf, während ich mit Mama telefoniere. Ich habe doch tatsächlich übersehen, dass die Orientierungswoche für Erstsemester schon letzte Woche war! Und das, obwohl es klar und deutlich auf dem Infozettel stand! Aber statt mich damit eingehender zu beschäftigen, habe ich lieber bei Geburtstagsfeiern ausgeholfen, mich mit alten Freunden getroffen und war in Oper & Gottesdienst. Na ganz toll … Auf der anderen Seite: Die Woche in Berlin war wunderschön. Vielleicht war ich ein bisschen blöd, das Ganze insgesamt aber doch gar nicht mal so schlecht. Ich versuche mich abzuregen. Ich krieg das schon alles hin. Am besten erst mal die Erstsemesterbroschüre lesen. Ah, guck mal, da steht auch, wie man seine Mailadresse für die Uni aktivieren und auf sein Postfach zugreifen kann! Na, dann machen wir das doch gleich mal … Oh, guck mal einer an, so viele Mails sind da ja schon! Mal sehen … „bitte belegen Sie eine der Kleingruppen bis zum 08.10.17 um 12 Uhr. Was??? Schon morgen? Na, ein Glück, dass ich das heute noch gesehen habe! Wie funktioniert diese Belegung den nochmal? Aha, so und dann klicken und … Was??? Warum sind denn sämtliche Kleingruppen schon vollständig belegt? Es muss doch noch einen Platz für mich geben! Immerhin ist die Frist für die Belegung noch nicht abgelaufen. Nochmal. Nee. Es funktioniert nicht. Wenn ich schon Panik hatte, als ich das mit der Orientierungswoche spitz gekriegt habe, so spüre ich jetzt mein Herz im Hals schlagen. Und die ganze Nach lässt es sich nicht wieder herunter schlucken. Warum geht das nicht? Kann ich jetzt nicht studieren?

Sobald es morgen wird, rufe ich bei der Studienkoodination an. Nach meinen Erläuterungen füge ich leicht unnötigerweise hinzu: „ Und jetzt schiebe ich grade Panik.“ Dann die begütigende Stimme im Hörer: „Keine Panik“. Das kriegen wir hin. Schreiben Sie einfach eine Mail an Blabla@uninteressant.kp  und erklären sie, was los ist. Wir bringen Sie da schon noch rein. Jetzt sitzt mein Herz immerhin nicht mehr im Rachen, sondern vielleicht auf der Höhe des Schlüsselbeins. (wie ihr merkt, kann aus mir nur eine ganz hervorragende Ärztin werden … bei so viel anatomischem Fachwissen).

Jetzt kann ich erstmal an die Uni fahren. Natürlich steige ich eine Station zu früh aus und natürlich regnet es. So ein Scheißwetter sollte doch wirklich verboten werden! Im Matema hat es entweder so doll geregnet, dass man sich dachte, o. k. gleich kommt das Krankenhaus an meiner Veranda voerbeigeschwommen, oder halt gar nicht. Aber dieses ständige Nieselwetter hier? Das ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes! Naja, das nur, falls die Wetterfee den Artikel zufällig lesen sollte.

Also das erste Mal über den Campus spazieren. An einer Infotafel auf den ersten Mit-Ersti stoßen. Vanessa wird Germanistik studieren und hat ansonsten auch noch wenig Ahnung, wie hier was so läuft. Also stiefeln wir kurz darauf zusammen über den Campus und versuchen, uns ein bisschen zu orientieren. Klappt sogar ganz gut. Wir stoßen auf den Hörsaal, in dem wir gleich die Erstsemesterbegrüßung haben werden und gehen weiter, bis wir auf die Uniklinik stoßen. Oh man. Ist die aber groß! Im Vergleich zu Matema … aber davon wollen wir gar nicht erst anfangen. Sehr groß zumindest. Wow.

Der Versuch, noch mehr Licht ins Dunkle der Keingruppen-Sache zu bringen misslingt dann aber erstmal. Weder im Studierenden-Service-Center (SSC) noch im Studiendekanat Medizin kann mir weitergeholfen werden. Also betrete ich weiterhin mit Herz auf Schlüsselbeinhöhe den Hörsaal. Nochmal wow. So viele Menschen.

Ich setze mich instinktiv zu den Richtigen: Mareike wird aber morgen Englisch und Geschichte studieren und ist genauso überfordert mit der Planung ihrer Kurse wie ich. Das beruhigt. Die Veranstaltung besteht zunächst aus einigen Reden von Rektorin, Prorektor und Studierendenvertretung. Hängengeblieben sind bei mir vor allen Dingen Ratschläge fürs Studium, die die Rektorin aus „Der Zeit“ zitiert: „Geht morgens früh in den Hörsaal und reserviert eure Plätze mit einem Handtuch“, „Lass dich mit einer Person deiner Wahl in der Bibliothek einschließen.“ Oder „Verliebe dich in ein Buch und einen Menschen und schenke letzterem ersteres.“

Außerdem rät sie uns ehr dazu, ins Ausland zu gehen. Ja, gerne doch! Ich wüsste da auch schon ganz genau, wo ich gerne hin möchte. … Naja, aber vielleicht doch erstmal auf ein paar andere Dinge konzentrieren …

Nach ihrer Rede kommen dann auf jeden Fall noch diverse andere und schließlich stehen Vanessa, Mareike und ich wieder vor dem Hörsaal. Hier haben unsere Kommilitonen der höheren Semester schon ständeweise Angebote aufgefahren, mit welchen Aktionen man das Studium denn noch so gestalten könnte. Da gibt es schon ganz schön viele interessante Sachen. Vanessa verabschiedet sich nach ein paar Ständen, aber Mareike und ich machen die ganze Halle unsicher. Bestimmt mehr als fünfmal werde ich an diesem Vormittag meine Mailadresse los: An den Unichor, einen Nachhilfeverein, der Stunden für Kinder aus potentiell benachteiligten „Schichten“ (war das jetzt politisch korrekt?) anbietet, an eine Zeitung usw. Wir erwerben gemeinsam Ballettkarten für 2€ (wie sich inzwischen herausgestellt hat, habe ich an dem Termin der Aufführung sogar Zeit – Yay!), melden uns für eine Uni-Rezensenten-Aktion bei der Düsseldorfer Oper an (sprich: umsonst in die Oper gehen!), schauen kurz, was die Kirche so an der Uni zu bieten hat und spenden dann eben nochmal Stammzellen. Als wir einige Stunden später aus dem Gebäude treten, habe ich schon fast vergessen, dass sich mein Herz immer noch auf Schlüsselbeinhöhe befindet. Wie gut, dass ich Mareike getroffen habe!

Zusammen stellen wir uns nochmal in die Schlange vor dem SSC. Vor allem deshalb, weil ich in der Zwischenzeit erfahren habe, dass ich aus Versehen einen wichtigen Teil meines Studentenausweises weggeschnitten habe (!) – heute scheint ja echt alles einfach optimal zu laufen! Naja, was soll’s? So hat auch Mareike Gelegenheit, sich noch ein paar Infos über ihren neuen Stundenplan zu holen und in der ellenlangen Schlange können wir nochmal ausgiebig quatschen und die Telefonnummern austauschen. Als dann schließlich alles geregelt ist, muss Mareike in ihre nächste Begrüßungsveranstaltung für die Englisch-Studenten. Kein Problem! Wir wissen ja schon, wann wir uns wiedersehen werden: Auf dem Infobasar haben wir nämlich beide großen Gefallen an der AEGEE Düsseldorf gefunden. Fragt mich jetzt bloß nicht, wofür die Abkürzung steht (irgendwas mit Europa auf Französisch). Auf jeden Fall geht es um eine Gruppe junger Leute, die sich mit dem Thema Pro-Europa und seinen Menschen auseinandersetzt – auf eine sehr entspannte Weise: Für den übernächsten Abend war ein Treffen in einer Kneipe nahe der Uni geplant. Da wollen Mareike und ich uns auf jeden Fall wiedersehen.

Während sie also in ihre Veranstaltung geht, laufe ich erst noch ein bisschen über den Campus, rufe meine Mutter an, erzähle ihr alles und klage ihr meine Sorge zum Thema der Kleingruppen. Nachdem ich das Gespräch beendet habe, schaue ich kurz nochmal in meine Mails – und da steht geschrieben: „ Sehr geehrte Frau Ackermann, ich habe Sie zu Gruppe 13 zugeordnet. Alles Gute für Ihr Studium.“ Ich hatte mich ja eigentlich schon fast an das Gefühl meines Herzens an falschen Stellen gewöhnt, aber es ist doch schön, es an seinen gewohnten Platz zurückwandern zu fühlen. Die Fahrt mit dem Bus zurück nach Hause wird wesentlich entspannter als die am Morgen.

Diese Entspannung endet dann aber auch schon wieder, sobald ich bei uns in der WG ankomme. Dort stelle ich dann nämlich fest, dass ich in einer knappen Stunde schon wieder an der Uni sein muss – diesmal für die Einführungsveranstaltung der Medi-Erstsemester. Also schnell ein Müsli reinschaufeln und schon sitze ich wieder im Bus.

Bereits bei der Fahrt fällt mir das Mädchen auf, das auf dem Platz am Fenster neben mir sitzt. Sie ist ungefähr in meinem Alter, ist mit mir in den Bus eingestiegen und sitzt nun mit den Kopfhörern im Ohr da. Ich vermute dass sie auch eine Studentin sein könnte. Ob ich sie mal ansprechen sollte? Hmm. Jetzt hört sie ja eh grade Musik …

Also sie dann aber an der gleichen Haltestelle wie ich aussteigt und wir zielstrebig in die gleiche Richtung gehen, steigt meine Neugier auf sie natürlich nochmal auf ein Vielfaches. Ich schlüpfe hinter ihr in den Hörsaal und quetsche mich auf den letzten Platz in der Reise, in der auch sie sitzt. Neben mir sitzt jetzt ein blondes Mädchen. „Hi, ich bin Carla“, stelle ich mich vor. „Ich dachte, ich setze mich einfach mal zu Euch.“ Zum Glück guckt sie nicht verwirrt, sondern lächelt. „Cool! Ich bin Nina.“ Wir unterhalten uns. Dabei kommt natürlich heraus, dass ich in Eller wohne. Da dreht sich das Mädchen, mit dem ich im Bus gesessen habe, um. „Ich auch!“ – „Das habe ich mir schon gedacht. Wir haben gerade im Bus nebeneinander gesessen.“ – „Waaas?! Gar nicht gemerkt!“ Es ist lustig, sich mit den Mädels zu unterhalten. Ich finde heraus, dass sie sich auf den Erstsemesterveranstaltungen kennengelernt haben. Und dass Lena, das Mädchen aus Eller, etwa zwei Häuser weiter wohnt. Es sind auch ein paar Leute dabei, die in meiner Kleingruppe sind. Der Nummer 13. Jackpot!

Und dann geht die Veranstaltung los. Kurze Begrüßung durch die Leiterin des Studiendekanats. Was bei solchen Anlässen so gesagt wird. Und dann ein kurzes Intermezzo vom Chor der Medizinstudierenden. Von dem habe ich schon gehört. Bei mir steht er in Konkurrenz zum Unichor. In einem von beiden möchte ich unbedingt Mitglied werden. Die nächsten Minuten werden mir in meiner Entscheidung enorm weiterhelfen: Ich kann es einfach nicht glauben! Das erste Lied, das gesungen wird, kann meinen neuen Kommilitonen wohl nicht allzu viel gesagt haben. Mir aber fällt bei den ersten Zeilen die Kinnlade runter. Sie singen auf Kiswahili! Also echt mal, wie wahrscheinlich ist das bitte??? Ich kann es gar nicht fassen. Wenn das mal kein Zeichen ist! Dieses Erlebnis trägt mich noch durch die ganze Veranstaltung, die insgesamt natürlich nicht ganz so spannend ist. Es wird viel darüber geredet, was uns nun in den nächsten 5 Jahren erwartet. Wir werden vor allem „Kompetenzen erwerben“, wie es heißt. Damit wir einmal „gute Ärzte“ werden. Für mich klingt das alles noch total unwirklich und ganz weit weg. Ob ich das wirklich werde? Ärztin? Und dann noch eine gute? Es ist auf jeden Fall noch ein verdammt weiter Weg dorthin.

Nach der Veranstaltung werden noch Brezeln und Getränke gereicht. Ich stelle mich zu Lena und ihrer Truppe. Sie erzählen mir von der Einführungswoche, die ich (nochmal: nur aus purer Dummheit!) verpasst habe. Zum Glück können sie mich beruhigen. Ich habe wohl nichts versäumt, was man nicht noch nachholen könnte. Und mit dem Leute-Kennenlernen fange ich ja jetzt schon an.

Ich bekomme bei dem Empfang auch Gelegenheit, noch mit ein paar Mitgliedern des Medizinerchors zu sprechen. Ich hoffe, dass ich sie mit meiner Begeisterung für ihr erstes Lied nicht allzu sehr verwirre, aber eigentlich freuen sie sich nut, dass ich die Sprache erkannt habe. Wir verabreden uns für die nächste Probe am Donnerstag.

Als ich irgendwann am späten Abend die Tür zu meinem Zimmer aufschließe und ins Bett falle, sieht alles ganz anders aus, als es noch am Abend zuvor war. Also im übertragenen Sinne natürlich – meine Klamotten haben sich leider nicht in meiner Abwesenheit selbständig weggeräumt. Aber mein Herz hat jetzt wieder an seinem ursprünglichen Platz gefunden. Ich bin jetzt Medizinstudentin. Eingetragen in den Kursen. Ich habe nette Leute kennengelernt. Ich habe jemanden getroffen, die direkt in meiner Nachbarschaft wohnt und mit der ich am nächsten Morgen zusammen Bus fahren und im Hörsaal sitzen kann. Ich habe schon morgen das erste Kneipentreffen zusammen mit Mareike und AEGEE. Ich weiß jetzt, in welchen Chor ich gehen will. Und morgen geht es schon los mit den ersten Vorlesungen.

Ich bin Medizinstudentin. Echt und ganz wirklich! Wie krass!

 

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