Das erste Semester

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Ist vorbei. Ich habe auch die zweite Klausur bestanden. Meine Hoffnung, das ich mir davor weniger Stress machen würde, hat sich allerdings nicht erfüllt – wie überraschend. Jetzt ist es vorbei und ich bin eigentlich kein Ersti mehr. Na gut, offiziell schon, weil das zweite Semester ja noch nicht angefangen hat. Und auch danach werden wir wohl erstmal weiterhin als die Kleinen herhalten müssen, denn neue Erstis gibt’s erst zum nächsten Wintersemester. Trotzdem. 1/6 meiner Zeit in der Vorklinik sind überstanden. Wow, ging das schnell. Wow, das war jetzt echt nicht ganz ohne. In der zweiten Hälfte des Semesters haben wir unter dem Thema „Bewegungsapparat“ alles am Körper gelernt, was nicht Gehirn & Organe sind. In acht Wochen. Denke ich zumindest -wer weiß, was diese Zauberkiste noch so alles für uns bereit hält. Hat meinen Blick auf den Körper schon ein bisschen verändert. Wie kompliziert wir sind! Einfach nichts ist dem Zufall überlassen. Alles im Körper hat seinen Sinn und Zweck. Also soweit ich das bis jetzt beurteilen kann. Es war nicht einfach, sich das alles einzuverleiben, und jetzt, wo es vorbei ist merke ich, dass ich mich noch nie zuvor solange Zeit wirklich ausschließlich nur mit einem Thema auseinandergesetzt habe. Das hat sein Schlechtes und sein Gutes: Zum einen taucht man vollständig ab in seine Versenkung, dankt kaum mehr an etwas anderes und ist dann überrascht, dass  – wenn man zufällig doch mal für kurze Zeit auftaucht – keiner da ist, mit dem man sich unterhalten kann. Allen anderen geht es ja schließlich genauso wie einem selbst. Zum andren war mir vorher nicht klar, dass mein Gehirn tatsächlich so viel leisten kann. Als unser Dozent uns am Anfang des Themenblocks kurz vor Weihnachten ein Buch von der Dicke der Bibel auf den Tisch knallte und uns mitteilte, dass wir dieses nun in den nächsten acht Wochen auswendig lernen würden, habe ich ihm innerlich den Vogel gezeigt. Ich hielt es schlichtweg für unmöglich. Es geht aber, wie sich herausstellte. Wahrscheinlich ist das das Wichtigste, das ich mitnehme: Man kann mehr als man sich zutraut, wenn es wirklich ganz dringend nötig ist. Nicht, dass es nicht anstrengend, nervenaufreibend und kräftezehrend wäre. Aber es geht.

Was habe ich sonst noch aus diesem Semester mitgenommen?

1. Ich kann nicht ohne Chor leben.

Gleich in der ersten Woche des Semesters bin ich demMedizinerchor der Uni beigetreten. Das war wahrscheinlich eine der besten Entscheidungen überhaupt. Egal, wie stressig es wurde, beim Chor bin ich so gut wie immer aufgetaucht. Die Musik, das aktive Singen, die Leute dort: Es ist perfekt. Unser Konzert war ein voller Erfolg. Der Hörsaal, in dem wir sangen, war an dem Tag gerammelt voll. Ich glaube, dass ich noch nie so viel Spaß bei einem Konzert hatte. Fürs neue Semester habe ich mich natürlich schon wieder für den Chor angemeldet und freue mich auf unser neues Thema für das nächste Konzert: „Heiter bis wolkig – ein musikalischer Wetterbericht“. Auch beim Probenwochenende werde ich dabei sein. Ein bisschen wie Klassenfahrt ohne Lehrer, das kann doch nur gut werden!

Das sind wir – glücklich nach dem Konzert und wunderschön wie immer

2. Düsseldorf ist nicht Matema

Als ich aus Tansania zurückkam, hatte ich nicht einmal einen Monat hier in Deutschland, bevor das Studium anfing. Klar, dass das nicht genug ist, um wieder völlig aus der Versenkung aufzutauchen. In Tansania habe ich ein gutes Leben geführt. Es war sehr leicht, Freunde zu finden. Niemals war ich einsam. Natürlich war mir auch schon vor sechs Monaten klar, dass es gewisse Umstände gab, die mich dort zu einer Person haben werden lassen, mit der man sich gerne beschäftigt. Trotzdem bin ich mit der Motivation nach Düsseldorf gegangen, noch einmal neu anzufangen – und das genauso wie vor damals einem Jahr in Matema. Aber ganz so leicht ist das nicht. Sonst wäre es ja schließlich auch kein Neuanfang, sondern eine Wiederholung. Es braucht Zeit, Leute zu finden, denen ich mich anvertrauen kann und die sich mir anvertrauen. Wenn ich genau darüber nachdenke, ist das hier wohl auch deswegen schwieriger als letztes Jahr, weil ich nun höhere Ansprüche habe. Immerhin habe ich hier nicht die Ausrede, dass ich sowieso immer ein bisschen fremd bleiben werde, weil ich ja nun mal auch anders aufgewachsen bin, die Sprache nicht zu 1000% spreche und eh ganz anders aussehe. Ist ja nicht meine Schuld, wenn die Kulturen zu unterschiedlich sind -so könnte man zumindest argumentieren.

Nein, hier möchte ich dazugehören, so wie die anderen auch. Nicht zu allen versteht sich. Aber ich brauche zumindest ein, zwei, drei Menschen um mich, auf die ich bauen kann, so wie sie auf mich. Und ich glaube auch, dass ich schon solche gefunden habe. Aber so was braucht Zeit. Ihr wisst schon: Mit Geduld & Spucke … .

Inzwischen denke ich etwas weniger an Matema. Am Anfang konnte ich mich förmlich kaum bremsen und musste quasi jeden, mit dem ich mehr als zwei Minuten redete, die Sache auf die Nase binden. Es ist ja auch eine interessante Sache. Und es beschäftigt mich auch jetzt noch. Aber inzwischen muss ich nicht ständig an Exavery denken, nur weil ich an einem Hochhaus vorbei gehe, das ihn zum Stauen gebracht hätte. Auch habe ich mir vorgenommen, mehr darauf zu achten, die Leute nicht mehr dermaßen mit dem Thema zu „erschlagen“. Jeder hat Spannendes erlebt, und ich muss nicht immer die erste sein, die mit ihrem Herzensthema herausplatz, ohne dass die Leute etwas damit anfangen können.

3. Matema ist kein Urlaubsflirt

Auch wenn ich gelernt habe, meine Koch nicht 24/7 in Tansania zu haben, lässt mich das Jahr aber auch nicht einfach wieder los. Gut, es sind momentan erst gute sechs Monate vergangen, seitdem ich zurück bin. Aber bis jetzt bleibt es so, wie ich gehofft hatte: Ich pflege weiterhin Kontakt zu den Menschen in Matema. Mit Venance, mit Osea, mit Daktari Mwakasita, aber vor allem mit Exavery. Es vergeht keine Woche, in der wir nicht telefonieren und keine, in der er mich nicht zum Lachen bringt. Er ist mein bester Freund und dich bin wirklich traurig, dass weitere 5 Monate vergehen werden, bis wir uns endlich wiedersehen. Seit nun schon einen Monat gibt es zudem noch einen anderen Grund dafür, dass ich ganz dringend mal wieder bei ihm vorbeischauen muss – Carl. Exavery und seine Frau Upendo haben nämlich ein zweites Kind bekommen! Und obwohl der Kleine noch nicht getauft wurde, darf ich mich schon jetzt als stolze Patentante bezeichnen. Mit der Taufe wird nämlich noch bis Sommer gewartet, damit ich dabei sein kann.

Ganz ehrlich, ich finde das echt ganz schön krass. Der kleine Carl! Ich möchte wirklich für ihn da sein und kann es kaum erwarten ihn kennenzulernen. Wenn alles gut läuft, werde ich ihn aufwachsen sehen (also natürlich so gut es geht) und begleiten können. Vielleicht. Ich möchte es zumindest versuchen. Zusammen mit Jessica überlege ich zurzeit, wie das am besten möglich wäre. Jessi möchte das gleich nämlich auch für Shaney, Carls große Schwester tun. Wir werden sehen, was uns diesbezüglich noch so einfällt.

4. Düsseldorf ist auch nicht Berlin

Von Tansania aus betrachtet ist Düsseldorf natürlich nur einen Katzensprung von Berlin entfernt. In Echtzeit beträgt die Entfernung mit dem Zug immerhin noch 6 Stunden. Ups, also doch nicht ganz so wenig. Das ist mir allerdings erst im Laufe des Semesters klar geworden. Viele meiner Kommilitonen kommen aus der (mittel-)näheren Umgebung von Düsseldorf und haben vielleicht zwei, höchstens drei Stunden zu fahren, wenn sie einen Abstecher nach Hause machen wollen. Das ist bei mir anders. Gefühlt reise ich von einer zur anderen deutschen Grenze, wenn ich meine Familie besuchen will. Für einen kurzen Wochenendtrip lohnt sich das eigentlich weder zeitlich noch finanziell. Das hat man also davon, wenn man in der Schule den Geographieunterricht eher zum Ausmalen von Hausaufgabenheften nutzt. Man hat dann einfach keine Ahnung, was so Entfernungsangaben bedeuten Das ist zum einen natürlich schon manchmal etwas hart. Ich muss selber mit mir klarkommen, wenn mir die Dinge zu viel werden. Meine Ernährung besteht momentan zu gleichen Teilen aus Müsli, Nudeln mit Pesto und Mensaessen. Aber es hat natürlich auch sein Gutes: Karneval. Bis vor einem halben Jahr hat noch nicht mal der Begriff in meinem aktiven Wortschatz existiert. Bei uns Zuhause kennt man höchstens Fasching. Natürlich weiß ich inzwischen, dass das zwei völlig unterschiedlich Sachen sind. Nie würde ich mir anmaßen, schon jetzt zu behaupten, ich hätte verstanden, worum es dabei wirklich geht (Saufen?!). Trotzdem kann man dabei durchaus Spaß haben, wenn man mit den richtigen Leuten unterwegs ist. Beschämenderweise habe ich allerdings dieses Jahr wohl mehr vom Kölner als vom Düsseldorfer Karneval mitbekommen. Aber ich habe ja noch ein paar Jährchen, in denen ich dann mal einen ganz differenzierten Vergleich aufstellen kann.

5. Das liebe Geld

Ist gar nicht mal so leicht aufzutreiben (wär hätte das gedacht). Dabei brauche ich doch ganz dringend welches, damit ich den Flug nach Tansania nächsten Sommer bezahlen kann! Seit neuestem gehe ich deshalb kellnern. Echt ein ganz interessanter Nebenjob: Das Ganze läuft über eine Agentur, die uns dahin schickt, wo Veranstaltungen gebucht werden. Zum Beispiel im Rathaus oder auf einem Schiff auf dem Rhein oder in der ARD Karnevalssendung oder im VIP-Bereich des Fußballstadions. Die Arbeitsstellen sind vielfältig und oft habe ich großen Spaß bei der Arbeit, obwohl man sich sein Geld schon auch verdienen muss. Aber die Orte und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, gestalten das alles oft ganz angenehm. Viele meiner Kollegen und Kolleginnen sind auch Studenten oder Auszubildende in meinem Alter. Es macht Spaß, sich in und wieder mal mit Menschen zu unterhalten, die nicht im Medizinerwahn sind.

Kellnern lernt man nicht an einem Tag und ich habe bereits festgestellt, dass es ist gar nicht so leicht ist, ein volles Tablett mit Gläsern durch eine wildtanzende Menschenmenge heil durchzubekommen. Aber wie immer ist das wohl vor allen Dingen eine Sache der Übung. Unnötig zu erwähnen, dass mir bei der Arbeit der Kontakt zu den Kunden oft am meisten Spaß macht – liegt mir vielleicht einfach. Am Ende der Semesterferien habe ich nochmal zwei Wochen in Düsseldorf, in denen ich das mit den Gläsern noch einmal ausführlich üben werde und dabei auch noch ein bisschen für mein Tansania-Ticket tun kann.

Ja, und nun stecke ich schon mitten in den Semesterferien. Wobei Ferien wohl nicht ganz das richtige Wort ist, um das Pflegepraktikum zu beschreiben, das ich gerade in einem Krankenhaus in Hamburg absolviere. Ist ganz schön anstrengend. Aber dafür kann ich mich dann am Abend bei meiner Freundin Jessi auf der Couch ausruhen (und meistens kurz nach 10 auch darauf einpennen). Bald beginnt das nächste Semester. Mit Biochemie – kann mich schon jetzt kaum halten vor Begeisterung. Aber immerhin geht dann das Leben in Düsseldorf weiter. Ich bin gespannt, wie es sich entwickeln wird.

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